Vergleiche mit anderen Hunden
Frau mit Hund auf Waldweg – euer Weg muss nicht perfekt sein

Dein Hund braucht keinen perfekten Menschen. Und du brauchst keinen perfekten Hund.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl: Du siehst andere Mensch-Hund-Teams und plötzlich beginnt dieser leise Gedanke im Kopf:

Warum kann mein Hund das nicht auch?
Warum läuft dieser Hund so entspannt an anderen vorbei?
Warum bleibt dieser Hund einfach liegen?
Warum hört dieser Hund scheinbar immer?
Warum schaffen andere das, was uns so schwer ist?

Gerade in sozialen Medien begegnen uns oft nur kleine Ausschnitte, die dann nur diesen einen Moment zeigen.

Ein ruhiger Moment.
Ein gelungener Rückruf.
Ein harmonischer Spaziergang.
Ein Hund, der in einem Café liegt.
Ein Hund, der scheinbar mühelos an anderen Hunden vorbeigeht.

Doch das, was wir sehen, erzählt nicht immer die ganze Geschichte.

Nur weil ein Hund liegen bleibt, bedeutet das nicht automatisch, dass er entspannt ist. Ein kurzer Einblick in ein Verhalten verrät uns nicht automatisch, wie sich der Hund fühlt. Es kann unter der Oberfläche brodeln. Das bekommen wir meist nicht zu sehen.

Wir können nicht erkennen, welche Emotionen hinter diesem Verhalten stehen. Wir wissen nicht, welche Erfahrungen der Hund gemacht hat, welche Bedürfnisse gerade unerfüllt sind oder wie viel Energie ihn diese Situation möglicherweise kostet.

Deshalb lohnt es sich, sehr vorsichtig mit Vergleichen zu sein. Denn wir vergleichen unter Umständen unseren Alltag mit einer einzelnen Momentaufnahme eines Hunde-Mensch-Teams, dessen Geschichte wir gar nicht kennen.

Wir wissen nicht, wie ihr Weg zum gezeigten Verhalten war.

War er lang?
War er schwierig?
War er fair?
Oder war der Weg für den Hund mit viel Druck verbunden?

Auch das können wir nicht wissen.

Ich möchte gern davon ausgehen, dass das Training zum erwünschten Verhalten fair, freundschaftlich und verständnisvoll war.

Dennoch: Wir sehen nicht die vielen kleinen Schritte. Wir sehen nicht die Rückschläge. Wir sehen nicht die Tage, an denen es nicht funktioniert hat. Wir sehen nicht die Tränen, die Zweifel, die Unsicherheit oder die Momente, in denen jemand selbst nicht mehr weiterwusste.
Und ich weiß, wovon ich spreche …

Und manchmal sehen wir auch schlicht einen Hund, der ganz andere Voraussetzungen mitbringt als unser eigener.

Vergleiche mit anderen Hunden können verletzen

Hunde sind, so wie wir, Individuen mit ihrer ganz eigenen Ausstattung.

Sie haben unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche genetische Voraussetzungen, unterschiedliche Körper und unterschiedliche Strategien, mit der Welt umzugehen.
Ein Hund, der liegen bleibt, ist nicht automatisch „besser“. Ein Hund, der mehr Abstand braucht, ist nicht automatisch „schlechter“.

Eine Bezugsperson, die bei Begegnungen langsamer und in einem Bogen geht, Abstand hält und auf die Körpersprache ihres Hundes achtet, ist nicht weniger fähig. Sie erkennt die Bedürfnisse ihres Hundes und nimmt sie ernst.

Vielleicht braucht dein Hund mehr Sicherheit.
Vielleicht braucht er mehr Zeit. Vielleicht braucht er kleinere Schritte.
Vielleicht braucht er mehr Abstand oder mehr Pausen.
Vielleicht braucht er auch einfach nur eins, dich:
Einen Menschen, der nicht aufgibt. Einen Menschen, der hinsieht. Einen Menschen, der bereit ist zu lernen.
Einen Menschen, der nicht perfekt ist, aber immer wieder versucht, fair, freundlich und verständnisvoll zu handeln.

Daher gilt: Vergleiche können unglaublich verletzend sein und sie bringen so wenig.
Dein Hund ist nicht der andere Hund.
Du bist nicht die andere Bezugsperson.
Und das ist gut so.

Vergleiche können uns das Gefühl geben, nicht gut genug zu sein. Sie können uns glauben machen, dass unser Hund hinterherhinkt. Sie können dazu führen, dass wir Druck aufbauen, wo eigentlich Vertrauen wachsen sollte.

Dabei ist euer Weg kein Wettlauf und ganz sicher meist auch ein anderer als der anderer Hunde-Mensch-Teams.

Jedes Team ist individuell.
Was mit Pöppi so leicht geklappt hat, dauert mit Netty vielleicht länger.
Was Netty so leichtfällt, war für Pöppi eine Herausforderung.
Und von mir als Bezugsperson mal ganz zu schweigen … Auch ich mache Fehler.

Und das nach über 25 Jahren, in denen ich das Privileg habe, die besten Hunde der Welt in meinem Leben zu haben und gehabt zu haben.

Fehler sind Informationen, es zukünftig besser zu machen.

Leben heißt Lernen. Euer Weg muss nicht aussehen wie der Weg anderer.

Er darf langsamer sein.
Er darf Umwege machen.
Er darf Pausen beinhalten.
Er darf leise, kleinschrittig und manchmal auch holprig sein.
Auch ein Stolpern bringt uns weiter.

Das bedeutet nicht, dass ihr scheitert. Es bedeutet, dass ihr euren eigenen Weg geht. Und genau dieser eigene Weg ist oft der ehrlichste, wichtigste und liebevollste Weg, den wir mit einem Hund gehen können.

Dein Hund braucht keinen Menschen, der alles richtig macht.
Er braucht einen Menschen, der bereit ist, ihn zu verstehen.
Einen Menschen, der seine Bedürfnisse ernst nimmt.
Einen Menschen, der Verantwortung übernimmt, statt sich mit anderen zu messen.
Einen Menschen, der auch an schwierigen Tagen bleibt.

Du musst nicht besser sein als andere.
Dein Hund muss nicht „funktionieren“ wie andere.
Ihr müsst nicht perfekt sein.

Ihr dürft miteinander wachsen.