Mein Hund gibt jeden Tag sein Bestes
Frau kniet neben Hund auf Waldweg - mein Hund gibt jeden Tag sein Bestes

Immer wieder werden Menschen, die mit positiver Verstärkung trainieren, als „Wattebauschwerfer“ bezeichnet. Noch immer hält sich hartnäckig die Vorstellung, Hunde dürften bei dieser Form des Trainings alles und es gäbe weder Regeln noch Grenzen. Doch das stimmt nicht. Natürlich gibt es auch bei uns Regeln. Natürlich gibt es Grenzen. Und natürlich lernen Hunde, welche Verhaltensweisen erwünscht sind und welche nicht.

Der Unterschied liegt für mich an einer ganz anderen Stelle. Wenn etwas nicht klappt, frage ich mich nicht zuerst, warum mein Hund es nicht gemacht hat. Ich frage mich, warum er es vielleicht nicht machen konnte. Denn mein Hund gibt jeden Tag sein Bestes. Jeden einzelnen Tag.

Seine Welt ist meine Welt

Dabei lebt er in einer Welt, die nicht die seine, sondern meine ist. Er begleitet mich durch Situationen, die ich auswähle. Er begegnet Menschen, Fahrzeugen, Geräuschen und Anforderungen, die oft wenig mit dem natürlichen Leben eines Hundes zu tun haben. Und trotzdem geht er diesen Weg mit mir.

Manchmal läuft alles wunderbar. Ein Signal wird zuverlässig ausgeführt, eine schwierige Situation wird gemeistert und das Training fühlt sich leicht an. Und manchmal eben nicht. Manchmal bleibt die gewünschte Reaktion aus. Manchmal fällt es meinem Hund schwer, sich zu konzentrieren. Manchmal scheint eine Aufgabe plötzlich schwieriger zu sein als noch am Tag zuvor.

Doch genau dann wird es spannend. Denn anstatt vorschnell zu urteilen, lohnt sich ein genauer Blick. War die Situation vielleicht zu schwierig? War mein Hund müde? Hat er Schmerzen? War er gestresst? Habe ich die Aufgabe ausreichend erklärt? Oder habe ich schlicht zu viel erwartet?

Wenn etwas nicht gelingt, steckt oft eine wichtige Information darin. Nicht darüber, wie „stur“ oder „ungehorsam“ ein Hund ist. Sondern darüber, was er in diesem Moment leisten konnte.

Mein Hund gibt, wenn es ihm gut geht, immer 100 Prozent. Und wenn er diese 100 Prozent einmal nicht geben kann, dann hat das einen guten Grund. Vielleicht sehen diese 100 Prozent heute anders aus als gestern. Vielleicht besteht sein Bestes heute darin, überhaupt mitzukommen. Vielleicht darin, mich anzuschauen. Vielleicht darin, trotz Unsicherheit in meiner Nähe zu bleiben. Und ganz ehrlich? Allein das ist oft schon eine beachtliche Leistung.

Er bleibt, auch wenn andere gehen

Denn mein Hund bleibt an meiner Seite. Auch wenn ich traurig bin. Auch wenn ich krank bin. Auch wenn ich Fehler mache. Er begleitet mich mit einer Selbstverständlichkeit und Loyalität, die mich immer wieder berührt.

Deshalb liegt es in meiner Verantwortung, genau hinzuschauen. Nicht jedes Verhalten zu bewerten. Nicht vorschnell zu urteilen. Sondern zu verstehen.

Positive Verstärkung bedeutet für mich deshalb nicht grenzenlose Freiheit. Sie bedeutet Verantwortung. Sie bedeutet, Verhalten fair einzuordnen. Sie bedeutet, den Hund als Individuum wahrzunehmen. Und sie bedeutet, anzuerkennen, dass hinter jedem Verhalten ein guter Grund steckt.

Mein Hund muss nicht perfekt sein. Und ich muss es auch nicht sein. Aber ich möchte niemals vergessen:

Mein Hund gibt jeden Tag sein Bestes.