Warum auch Pausen zum Lernen gehören
Frau sitzt entspannt auf einer Wiese, während ihr Hund an einer langen Schleppleine schnüffelt – Pausen gehören zum Lernen.

Nicht jeder Tag muss ein Trainingstag sein

Der Spaziergang war schön. Dein Hund durfte ausgiebig schnüffeln, ihr wart gemeinsam unterwegs und zu Hause hat er sich zufrieden auf seinen Lieblingsplatz gelegt. Eigentlich könnte der Tag damit einfach gut sein.
Eigentlich.
Denn plötzlich schleicht sich dieser Gedanke ein: „Wir haben heute ja noch gar nichts trainiert.“
Also vielleicht noch fünf Minuten zwei, drei kleine Übungen? Noch einmal etwas wiederholen, das gerade noch nicht ganz sitzt?

Aber muss das wirklich sein?

Viele Bezugspersonen kennen dieses Gefühl nach dem Spaziergang: das schlechte Gewissen, weil heute „noch nicht trainiert“ wurde. Sie möchten ihren Hund fördern, ihm Abwechslung bieten und gemeinsam mit ihm lernen – aus der Sorge heraus, ohne tägliches Training würde der Hund weniger lernen oder zurückbleiben. Doch neuere Studien zu Trainingshäufigkeit sowie zu Schlaf und Gedächtniskonsolidierung bei Hunden zeichnen ein anderes Bild: Tägliches Training ist keine Voraussetzung für gutes Lernen – im Gegenteil, seltener trainierte Hunde schneiden in wissenschaftlichen Untersuchungen teils sogar besser ab. Was das für den gemeinsamen Alltag bedeutet und was zwischen zwei Trainingseinheiten im Kopf deines Hundes eigentlich passiert, zeigt der Blick in die Forschung.

Wenn Förderung zum Pflichtprogramm wird

Sitz, Rückruf, Leinenführigkeit, Tricks oder kleine Suchaufgaben: Wer sich heute mit Hundetraining beschäftigt, findet nahezu unbegrenzt Möglichkeiten, mit seinem Hund etwas zu üben.
Daran ist zunächst überhaupt nichts verkehrt. Gemeinsames Lernen kann Spaß machen, die Kommunikation zwischen Hund und Bezugsperson erleichtern und Fähigkeiten fördern, die den gemeinsamen Alltag sicherer und entspannter machen.
Problematisch wird es erst, wenn aus einem „Wir können etwas trainieren“ unbemerkt ein „Wir müssen noch etwas trainieren“ wird.
Dann wird der Spaziergang schnell zur Aneinanderreihung kleiner Übungen. Hier ein Rückruf, dort ein Signal, zwischendurch Leinenführigkeit und vielleicht lässt sich die Hundebegegnung gleich noch für eine kleine Trainingseinheit nutzen.
Dabei muss nicht jede Situation pädagogisch wertvoll genutzt werden.

Ein Spaziergang darf manchmal einfach ein Spaziergang sein.

Der Hund darf schnüffeln, schauen, stehen bleiben und seine Umwelt erkunden, ohne dass daraus automatisch eine Übung entstehen muss. Denn Lernen funktioniert nicht nach dem einfachen Prinzip: Je mehr wir trainieren, desto besser lernt unser Hund.

Mehr Training bedeutet nicht automatisch besseres Lernen

Genau das untersuchten Demant und ihre Kollegen 2011 bei Beagles. Die Hunde sollten eine neue Aufgabe lernen, wurden jedoch unterschiedlich häufig und unterschiedlich lange trainiert.
Ein Teil der Hunde trainierte täglich, andere nur ein- bis zweimal pro Woche. Außerdem verglichen die Forschenden einzelne Trainingseinheiten mit mehreren direkt aufeinanderfolgenden Einheiten.

Das überraschende Ergebnis: Die Hunde, die ein- bis zweimal pro Woche trainierten, benötigten weniger Trainingseinheiten, um die Aufgabe zu lernen, als die täglich trainierten Hunde. Auch eine einzelne Trainingseinheit erwies sich gegenüber mehreren unmittelbar aufeinanderfolgenden Einheiten als effizienter.
Vier Wochen später konnten sich die Hunde unabhängig von ihrem ursprünglichen Trainingsplan noch gut an das Gelernte erinnern.

Das bedeutet natürlich nicht, dass wir unsere Hunde künftig nur noch ein- oder zweimal pro Woche trainieren sollten. Untersucht wurde eine bestimmte Aufgabe unter bestimmten Bedingungen. Aus einer einzelnen Studie lässt sich deshalb keine allgemeingültige Trainingsfrequenz für jeden Hund ableiten.

Sie zeigt aber sehr deutlich:
Häufiger bedeutet beim Lernen nicht automatisch besser.
Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen bereits Meyer und Ladewig 2008. Auch in ihrer Untersuchung benötigten seltener trainierte Hunde weniger Trainingseinheiten, um eine neue Aufgabe zu erlernen.

Lernen hört nicht auf, wenn das Training endet

Vielleicht liegt genau hier eines unserer größten Missverständnisse.

Wir sehen Lernen vor allem dann, wenn etwas passiert: wenn wir ein Signal geben, der Hund eine Aufgabe löst oder wir gemeinsam etwas üben.
Dann ist die Trainingseinheit beendet, der Hund legt sich hin und scheinbar passiert nichts mehr.

Doch für sein Gehirn ist die Sache damit keineswegs abgeschlossen.
Beim Lernen werden neue Informationen aufgenommen. Anschließend müssen diese verarbeitet und im Gedächtnis gefestigt werden. Dieser Vorgang wird als Gedächtniskonsolidierung bezeichnet.

Dass Schlaf dabei auch bei Hunden eine Rolle spielen kann, konnten Kis und Kollegen 2017 zeigen. Die Forschenden untersuchten unter anderem, was nach einer Lernaufgabe geschieht. Die Hunde schliefen anschließend, gingen spazieren, spielten oder absolvierten eine weitere Lernaufgabe.

Dabei zeigte sich ein besonders interessanter Zusammenhang: Eine weitere Lernaufgabe unmittelbar nach dem vorherigen Lernen konnte die langfristige Erinnerung an das zuvor Gelernte beeinträchtigen. Schlaf und auch ein Spaziergang standen dagegen mit einer besseren späteren Leistung in Zusammenhang.

Auch spätere Untersuchungen liefern weitere Hinweise darauf, dass Schlaf und die Verarbeitung von Gelerntem beim Hund miteinander verbunden sind.
Oder einfacher gesagt:
Manchmal passiert Lernen gerade dann weiter, wenn wir aufgehört haben zu trainieren.

Und wie sieht es bei Welpen und Seniorhunden aus?

Die bisherigen Studien wurden mit gesunden, erwachsenen Hunden durchgeführt. Für die ganz Jungen und die ganz Alten lohnt sich ein eigener Blick – denn hier gelten teilweise andere Regeln.

Welpen: Lernen ja, aber bitte in kurzen Zeiteinheiten

Welpen können erstaunlich früh lernen. Bereits im Alter von acht Wochen sind Hunde in der Lage, sich neue Handlungen innerhalb kurzer Trainingseinheiten anzueignen und sich noch eine Stunde später daran zu erinnern. Fugazza und Kolleginnen (2018) konnten das in einer Studie zum sozialen Lernen bei Welpen zeigen.

Der entscheidende Unterschied zum erwachsenen Hund liegt jedoch woanders: im Schlafbedarf. Ein acht bis zwölf Wochen alter Welpe schläft rund 18 bis 20 Stunden am Tag, mit etwa sechs Monaten pendelt sich der Bedarf allmählich auf das Niveau erwachsener Hunde ein. Dieser Schlaf ist keine reine Verschnaufpause: Er unterstützt die Entwicklung von Gehirn, Immunsystem und Muskulatur – und genau in diesen Ruhephasen wird auch frisch Gelerntes verarbeitet.

Für den Trainingsalltag bedeutet das: Ein Welpe braucht nicht nur kürzere Trainingseinheiten als ein erwachsener Hund, sondern vor allem deutlich mehr Ruhe dazwischen. Wo ein erwachsener Hund eine Lernpause von einigen Stunden oder einem Tag gut verkraftet, sollte bei einem Welpen die längste „Trainingseinheit“ seines Tages eigentlich der Schlaf sein.

Seniorhunde: langsamer, aber nicht weniger lernfähig

Bei alten Hunden lohnt sich zunächst eine wichtige Unterscheidung: Normales Altern ist nicht dasselbe wie das Canine Cognitive Dysfunction Syndrome (CCDS), eine eigenständige neurodegenerative Erkrankung, die dem Alzheimer-Syndrom beim Menschen ähnelt. Nicht jeder alte Hund ist davon betroffen.

Auch beim gesunden Altern verändert sich jedoch einiges. Chapagain und Kolleg:innen (2020) beobachteten bei Hunden ab etwa sechs Jahren einen kontinuierlichen Rückgang von Problemlösefähigkeit, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung und Exekutivfunktionen. Auch bei Umkehrlernaufgaben – bei denen einmal Gelerntes durch eine neue Regel ersetzt werden muss – zeigten sich ältere Hunde in einer Studie von Piotti und Kolleg:innen (2018) deutlich langsamer, ein erheblicher Teil erreichte das Lernziel innerhalb der gesetzten Testgrenze gar nicht.

Die gute Nachricht: Dieselben Untersuchungen zeigen auch, dass ältere Hunde grundsätzlich lernfähig bleiben, solange keine spezifische neurodegenerative Erkrankung vorliegt. Eine frühere Studie derselben Forschungsgruppe (Chapagain et al., 2017) fand sogar Hinweise darauf, dass lebenslanges Training die Aufmerksamkeitsleistung im Alter schützen kann.

Für den Trainingsalltag heißt das: Ein Seniorhund muss nicht komplett auf Training verzichten – aber er braucht mehr Zeit pro Lernschritt, mehr Geduld und häufiger die Möglichkeit, eine Übung erst einmal sacken zu lassen, bevor die nächste folgt. Kürzere Einheiten mit mehr Pausen dazwischen sind hier keine Notlösung, sondern schlicht altersgerechtes Training.

Ein Tag ohne Trainingsziel ist kein „verlorener Tag“

Was bedeutet das nun für unseren Alltag?
Vor allem nicht, dass wir einen neuen Stundenplan brauchen.

Ein trainingsfreier Tag muss weder besonders geplant noch mit einem ausgeklügelten Ruheprogramm gefüllt werden. Sonst machen wir aus dem vermeintlichen Trainingsstress nur das nächste Optimierungsprojekt.

Ein Hund darf auch einfach Hund sein.

Er darf auf einem Spaziergang ausgiebig schnüffeln. Er darf beobachten, im Garten herumstöbern, schlafen oder gemeinsam mit seiner Bezugsperson irgendwo sitzen und die Welt betrachten. Und manchmal darf auch schlicht nichts Besonderes passieren.

Gerade die moderne Forschung zum Tierwohl beschäftigt sich zunehmend damit, welche Bedeutung Wahlmöglichkeiten und ein gewisses Maß an Kontrolle über die eigene Umwelt für Tiere haben können. Dabei ist ein interessanter Gedanke besonders wichtig: Eine Wahl muss nicht immer bedeuten, etwas zu tun. Auch sich gegen eine angebotene Beschäftigung zu entscheiden, kann eine Wahl sein.

Wir müssen also nicht jede freie Minute unseres Hundes mit einem Angebot füllen.
Und vielleicht ist genau das manchmal die größere Herausforderung für uns als für unseren Hund.

Was braucht mein Hund heute?

All das ist kein Plädoyer gegen Training.
Ganz im Gegenteil.

Training kann gemeinsame Erfolgserlebnisse schaffen, Sicherheit geben, geistig fordern und schlicht großen Spaß machen. Wenn Hund und Bezugsperson gerne miteinander lernen, gibt es keinen Grund, darauf zu verzichten.

Aber vielleicht dürfen wir eine Frage verändern.
Statt uns am Abend zu fragen: „Habe ich heute genug mit meinem Hund trainiert?“ könnten wir uns fragen:
„Was braucht mein Hund heute?“

Die Antwort darauf kann eine gemeinsame Trainingseinheit sein. An einem anderen Tag vielleicht ein ausgiebiger Schnüffelspaziergang.
Und manchmal lautet die Antwort schlicht: Ruhe.

Denn Bedürfnisse sind keine Checkliste, die wir jeden Tag vollständig abhaken müssen. Und ein gutes gemeinsames Leben lässt sich nicht daran messen, wie viele Übungen, Signale oder Beschäftigungsangebote wir darin unterbringen.

Fazit: Heute musst du nichts mehr üben

Vielleicht liegt dein Hund gerade zufrieden auf seinem Platz, während du diesen Artikel liest.
Und vielleicht kennst du trotzdem diesen kleinen Gedanken:

„Eigentlich könnten wir heute noch …“
Nein.
Müsst ihr nicht.

Ein Trainingstag ist keine Pflicht, die jeder Kalendertag erfüllen muss. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass häufigeres Training nicht automatisch effizienteres Lernen bedeutet. Gleichzeitig sprechen Studien zu Schlaf und Gedächtnis dafür, dass auch das, was zwischen zwei Trainingseinheiten passiert, für Lernprozesse eine Rolle spielt.

Training darf Spaß machen. Es darf wichtig sein. Und es darf Tage geben, an denen es einfach nicht stattfindet.
Was in den Trainingseinheiten selbst zählt – nämlich das richtige Timing der Verstärkung – bleibt davon unberührt.
Denn manchmal ist das Beste, was wir gemeinsam mit unserem Hund tun können, einfach gemeinsam nichts zu müssen.

Literatur

Demant, H., Ladewig, J., Balsby, T. J. S. & Dabelsteen, T. (2011). The effect of frequency and duration of training sessions on acquisition and long-term memory in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 133(3–4), 228–234.

Kis, A. et al. (2017). The interrelated effect of sleep and learning in dogs (Canis familiaris); an EEG and behavioural study. Scientific Reports, 7, 41873.

Fugazza, C., Sommese, A., Pogány, Á. & Miklósi, Á. (2018). Social learning from conspecifics and humans in dog puppies. Scientific Reports, 8, 9257.

Chapagain, D., Wallis, L. J., Range, F., Affenzeller, N., Serra, J. & Virányi, Z. (2020). Behavioural and cognitive changes in aged pet dogs: no effects of an enriched diet and lifelong training. PLOS ONE, 15(9), e0238517.

Piotti, P., Szabó, D., Bognár, Z., Egerer, A., Hulsbosch, P., Carson, R. S. & Kubinyi, E. (2018). Effect of age on discrimination learning, reversal learning, and cognitive bias in family dogs. Learning & Behavior, 46(4), 442–455.

Chapagain, D., Virányi, Z., Wallis, L. J., Huber, L., Serra, J. & Range, F. (2017). Aging of attentiveness in border collies and other pet dog breeds: the protective benefits of lifelong training. Frontiers in Aging Neuroscience, 9, 100.

Weiterführende Literatur

Meyer, I. & Ladewig, J. (2008). The relationship between number of training sessions per week and learning in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 111(3–4), 311–320.

Reicher, V. et al. (2024). Potential interactive effect of positive expectancy violation and sleep on memory consolidation in dogs. Scientific Reports, 14, 9487.

Englund, M. D. & Cronin, K. A. (2023). Choice, control, and animal welfare: definitions and essential inquiries to advance animal welfare science. Frontiers in Veterinary Science, 10, 1250251.

American Kennel Club (AKC) – Richtwerte zum Schlafbedarf von Welpen nach Alter (nicht peer-reviewed, veterinärmedizinisch anerkannte Fachorganisation).