Liebe bis zur Selbstaufgabe
Zweigeteilte Illustration: Eine Frau kümmert sich liebevoll um ihren alten Hund und liest später entspannt mit einer Tasse auf dem Sofa. Dazu der Satz „Selbstfürsorge ist kein Verrat, sie ist Fürsorge"

Selbstfürsorge ist kein Verrat am Hund

Wer einen Hund in seine Familie holt, übernimmt Verantwortung für ein bedürfnisgerechtes Leben. Wir kümmern uns, organisieren Tierarzttermine, achten auf kleine Veränderungen und stellen die Bedürfnisse unseres Hundes oft ganz selbstverständlich vor unsere eigenen.

Doch was geschieht, wenn aus Verantwortung langsam Überforderung wird? Wenn die Fürsorge immer mehr Kraft kostet und wir uns selbst dabei Stück für Stück aus dem Blick verlieren?

Die Liebe zu einem Hund verändert unser Leben. Sie schenkt uns kostbare Momente, Vertrauen und eine Verbindung, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Unsere Hunde begleiten uns durch schöne Zeiten ebenso wie durch schwere und bereichern unseren Alltag auf eine Weise, die wohl jeder Hundefreund kennt.

Doch das Leben lässt sich nicht planen.

Aus dem jungen, unbeschwerten Hund wird irgendwann ein Senior. Aus kleinen Beschwerden entwickeln sich vielleicht chronische Erkrankungen – wie etwa eine Demenzerkrankung. Medikamente kommen hinzu, Tierarztbesuche häufen sich und plötzlich beginnt sich der gesamte Alltag um eine Frage zu drehen:

Wie kann ich meinem Hund helfen?

Diese Frage entspringt der Liebe. Und genau deshalb stellen wir sie so selbstverständlich. Dabei kann eine andere Frage mit der Zeit immer leiser werden:

Wie geht es eigentlich mir?

Nicht, weil unser eigenes Wohlbefinden unwichtig wäre. Sondern weil wir vielleicht glauben, dass wir diese Frage gerade nicht stellen dürfen.

Wenn aus Fürsorge Sorge wird

Wer einen Hund liebt, möchte für ihn da sein. Gerade wenn er krank wird, älter wird oder im Alltag mehr Unterstützung benötigt, erscheint es naheliegend, eigene Bedürfnisse zunächst zurückzustellen.

Benötigt unser Hund Unterstützung, überlegen die wenigsten von uns lange. Wir vereinbaren einen Termin in der Tierarztpraxis, passen unseren Tagesablauf an oder ändern unsere Pläne. Das fühlt sich kaum wie eine bewusste Entscheidung an – es geschieht einfach.

Mit uns selbst gehen wir dagegen häufig anders um. Kopfschmerzen gehen schon wieder vorbei. Ausruhen kann ich mich später. Und der eigene Arzttermin lässt sich notfalls noch um eine Woche verschieben.

Nicht, weil unsere Gesundheit oder unser Wohlbefinden weniger wichtig wären. Die Bedürfnisse unseres Hundes erscheinen uns lediglich dringlicher. Er kann viele seiner grundlegenden Bedürfnisse nicht selbstständig erfüllen und ist dabei auf uns als Bezugsperson angewiesen.

Ein einzelner verschobener Termin muss kein Problem sein. Wird daraus jedoch mit der Zeit eine Gewohnheit, verändert sich häufig auch der Blick auf uns selbst. Wir gewöhnen uns daran, dass das, was wir brauchen, noch etwas warten kann. Zumindest so lange, bis es unserem Hund wieder besser geht.

Gerade bei einer chronischen Erkrankung kann sich dieses Später jedoch immer weiter hinausschieben.

Dennoch kann die langfristige Begleitung eines schwer oder chronisch erkrankten Tieres viel Kraft kosten. In einer Untersuchung berichteten Bezugspersonen chronisch oder terminal erkrankter Hunde und Katzen über eine höhere Belastung und mehr Stress sowie über eine geringere Lebensqualität als Bezugspersonen gesunder Tiere (Spitznagel et al., 2017).

Vielleicht kennst du diesen scheinbaren Widerspruch: Du liebst deinen Hund von ganzem Herzen und bist dennoch erschöpft.

Beides darf gleichzeitig wahr sein.

Wenn das schlechte Gewissen mitentscheidet

Manchmal beginnen selbst kleine Entscheidungen plötzlich schwer zu wiegen.

Darf ich mich mit Freunden treffen? Ins Kino gehen? Einfach einmal ausschlafen? Oder mir bewusst Zeit nur für mich nehmen?

Solche Gedanken entstehen nicht, weil wir uns zu wenig um unseren Hund kümmern. Häufig entstehen sie gerade deshalb, weil er uns so wichtig ist.

Schuldgefühle von Hundehaltenden werden inzwischen auch wissenschaftlich untersucht. Dabei zeigen sich unter anderem Gefühle, den Bedürfnissen des eigenen Hundes nicht immer ausreichend gerecht zu werden oder zwischen verschiedenen Anforderungen wählen zu müssen (Kogan et al., 2022).

Das schlechte Gewissen meldet sich häufig leise, dafür aber hartnäckig. Es kann selbst einen schönen Moment überschatten.

Wie kann ich diese Zeit genießen, wenn ich weiß, dass es meinem Hund gerade nicht gut geht?

Doch ein solcher Gedanke bedeutet nicht, dass wir etwas falsch machen. Er zeigt zunächst einmal, wie wichtig uns unser Hund ist und wie sehr wir uns wünschen, ihm gerecht zu werden.

Selbstfürsorge ist kein Verrat am Hund

Vielleicht liegt die größte Herausforderung nicht allein darin, gut für unseren Hund zu sorgen. Sie liegt auch darin, anzuerkennen, dass zwei Dinge gleichzeitig möglich sein dürfen: für unseren Hund da zu sein und uns selbst dabei nicht zu verlieren.

Selbstfürsorge bedeutet nicht, unseren Hund weniger zu lieben. Sie bedeutet ebenso wenig, ihn mit seinen Bedürfnissen allein zu lassen.

Vielleicht bedeutet Selbstfürsorge vielmehr, die eigene körperliche und seelische Gesundheit ernst zu nehmen.

Nicht trotz unseres Hundes, sondern auch wegen unseres Hundes.

Wer dauerhaft erschöpft ist, stößt irgendwann an Grenzen. Geduld fällt schwerer, Entscheidungen kosten mehr Kraft und kleine Herausforderungen können sich plötzlich überwältigend anfühlen.

Dabei braucht unser Hund nicht nur eine Bezugsperson, die den gemeinsamen Alltag irgendwie bewältigt. Er braucht unsere Aufmerksamkeit, unsere Geduld und unsere Fähigkeit, ihn achtsam zu begleiten.

Verantwortungsvolle Fürsorge beginnt deshalb nicht ausschließlich bei unserem Hund. Sie schließt auch uns selbst mit ein.

Ein neuer Blick auf den gemeinsamen Alltag

Vielleicht verändert sich mit diesem Perspektivwechsel etwas. Nicht von heute auf morgen und vermutlich auch nicht an jedem Tag.

Doch manchmal reicht bereits ein einzelner Gedanke, um den eigenen Alltag ein wenig freundlicher zu betrachten. Vielleicht begegnen wir auch uns selbst mit jener Nachsicht und Fürsorge, die wir unserem Hund ganz selbstverständlich entgegenbringen.

Dann darf ein schöner Moment wieder schön sein. Mit unserem Hund oder auch einmal ohne ihn.

Denn Fürsorge bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben. Sie bedeutet, den gemeinsamen Weg so zu gestalten, dass wir ihn möglichst lange achtsam und liebevoll miteinander gehen können.

Ein kleiner Anfang kann genügen: Frag dich heute einmal ganz bewusst, was du selbst gerade brauchst – und wenn es geht, gönn dir dafür ein paar Minuten. Nicht als weitere Aufgabe, sondern als kleine Erinnerung daran, dass auch du zählst.

Fazit

Die Liebe zu unserem Hund lässt sich nicht daran messen, wie viel wir bereit sind, für ihn aufzugeben.

Vielleicht zeigt sie sich vielmehr darin, wie achtsam wir den gemeinsamen Weg gestalten. Für unseren Hund und auch für uns selbst.

Wenn ich mir erlaube, gut auf mich zu achten, nehme ich meinem Hund nichts weg.

Ich bewahre vielmehr die Kraft, ihn möglichst lange liebevoll, aufmerksam und mit ganzem Herzen begleiten zu können.

Quellenverzeichnis

Kogan, L. R., Bussolari, C., Currin-McCulloch, J., Packman, W., & Erdman, P. (2022). Disenfranchised Guilt: Pet Owners‘ Burden. Animals, 12(13), 1690. https://doi.org/10.3390/ani12131690

Spitznagel, M. B., Jacobson, D. M., Cox, M. D., & Carlson, M. D. (2017). Caregiver burden in owners of a sick companion animal: A cross-sectional observational study. Veterinary Record, 181(12), 321. https://doi.org/10.1136/vr.104295