Vielleicht hast du diese Frage auch schon einmal gehört.
Gemeint ist damit die Vorstellung, ein Wurf sei wichtig für die körperliche oder seelische Entwicklung einer Hündin. Wissenschaftliche Hinweise darauf gibt es jedoch nicht. Betroffen sind dabei nicht nur die Hündin selbst, sondern auch ihre Welpen, die Menschen, die sie aufnehmen, und letztlich der Tierschutz.
Denn eine Trächtigkeit und Geburt sind niemals vollkommen risikofrei. Es können schwere Komplikationen auftreten, Operationen notwendig werden und im schlimmsten Fall Welpen und/oder die Mutterhündin sterben. Gleichzeitig entsteht mit jedem Welpen ein neues Leben, für das neben den zukünftigen Bezugspersonen auch der Züchter Verantwortung übernehmen muss. Nicht nur bis zur Vermittlung, sondern ein Hundeleben lang.
Gerade angesichts überlasteter Tierheime lohnt es sich deshalb, diesen alten Glaubenssatz genauer zu betrachten. Nicht, um Menschen zu verurteilen, sondern um verständlich zu machen, was eine Hündin wirklich braucht und welche Folgen die Entscheidung für einen Wurf haben kann.
Woher kommt dieser Gedanke?
Menschen verbinden Mutterschaft häufig mit Erfüllung, Glück und einem wichtigen Lebensabschnitt. Deshalb liegt es vielleicht nahe, diese Vorstellung auch auf Hündinnen zu übertragen.
Doch sie erleben ihre Welt nicht auf dieselbe Weise wie wir. Was für einen Menschen eine große emotionale Bedeutung haben kann, muss für eine Hündin nicht dieselbe Bedeutung besitzen.
Die wissenschaftliche Forschung liefert bislang keine Hinweise darauf, dass eine Hündin für ihre körperliche oder seelische Gesundheit einmal Welpen bekommen muss. Fortpflanzung und Mutterverhalten gehören zwar zum natürlichen Verhaltensrepertoire des Hundes. Sie stehen jedoch in engem Zusammenhang mit hormonellen Veränderungen während der Trächtigkeit, der Geburt und der anschließenden Versorgung der Welpen.
Daraus lässt sich kein dauerhaftes Bedürfnis ableiten, einmal Mutter gewesen sein zu müssen.
Ein eindrückliches Beispiel dafür liefert die sogenannte Scheinträchtigkeit: Je nach Studie zeigen 50 bis 70 Prozent aller unkastrierten Hündinnen mindestens einmal im Leben körperliche und seelische Anzeichen einer Mutterschaft – Nestbau, Bemuttern von Gegenständen, Milchbildung –, ganz ohne dass jemals ein Deckakt stattgefunden hat. Verantwortlich dafür ist ein Hormon namens Prolaktin, das nach jedem Zyklus ansteigt, unabhängig davon, ob eine Trächtigkeit vorliegt. Der Körper einer Hündin durchläuft die hormonellen Muster der Mutterschaft also ohnehin regelmäßig – ganz ohne echten Wurf. Das zeigt: Ein „Bedürfnis“ nach einer tatsächlichen Trächtigkeit lässt sich daraus nicht ableiten.
Wie ausgeprägt das Mutterverhalten einer Hündin ist, unterscheidet sich von Hündin zu Hündin. Manche kümmern sich sehr fürsorglich um ihren Nachwuchs, andere benötigen Unterstützung oder zeigen nur wenig mütterliches Verhalten.
Das bedeutet nicht, dass eine Hündin ohne eigenen Wurf etwas vermisst oder ihr Leben dadurch weniger vollständig wäre.
Ein Wurf bedeutet mehr als süße Welpen
Wenn Menschen an einen Wurf denken, entstehen vielleicht zuerst Bilder von kleinen Welpen, die schlafen, spielen oder bei ihrer Mutter trinken.
Für die Hündin bedeutet ein Wurf jedoch zunächst eine Trächtigkeit, eine Geburt und eine körperlich sehr anstrengende Zeit der Aufzucht. Eine Geburt verläuft nicht immer komplikationslos. Studien zeigen, dass bei etwa 3,7 bis 5 Prozent aller Geburten ein tierärztliches Eingreifen notwendig wird – und davon endet ein Großteil, etwa 60 bis 80 Prozent, in einem Kaiserschnitt. Bei bestimmten Rassen mit besonderer Kopfform liegt die Kaiserschnittrate sogar bei über 80 Prozent. Kommt es zu einer gestörten Geburt, steigt zudem das Risiko für Totgeburten deutlich an.
Wer sich für einen Wurf entscheidet, muss deshalb wissen, dass nicht nur neues Leben entstehen kann. Während der Geburt kann ebenso Leben enden.
Auch nach einer zunächst erfolgreichen Geburt können Probleme auftreten. Die Hündin kann erkranken, Schwierigkeiten bei der Versorgung ihrer Welpen entwickeln oder selbst intensive medizinische Betreuung benötigen. Gleichzeitig können Welpen schwach, krank oder nicht lebensfähig geboren werden.
Ein Wurf ist deshalb weder ein notwendiger Entwicklungsschritt noch ein gesundheitliches Geschenk an eine Hündin. Er ist eine Entscheidung, die mit realen Risiken für die Hündin und ihre Welpen verbunden ist.
Mit jedem Welpen entsteht Verantwortung
Mit einem geplanten Wurf entsteht neues Leben. Jeder einzelne Welpe braucht Schutz, medizinische Versorgung, entwicklungsangemessene Erfahrungen, Verständnis und Menschen, die dauerhaft Verantwortung für ihn übernehmen.
Diese Verantwortung endet nicht, wenn der Welpe das Zuhause verlässt, in dem er geboren wurde.
Jeder Welpe, der geboren werden soll, sollte nur dann auf die Welt kommen, wenn alle Beteiligten bereit sind, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass er die bestmöglichen Voraussetzungen für ein lebenslanges, bedürfnisorientiertes und artgerechtes Leben erhält.
Doch selbst bei sorgfältiger Auswahl eines neuen Zuhauses kann sich das Leben verändern. Menschen können erkranken, Beziehungen können zerbrechen, finanzielle Schwierigkeiten können entstehen oder die Bedürfnisse des erwachsenen Hundes können sich anders entwickeln als erwartet.
Wer einen Wurf bewusst entstehen lässt, trägt deshalb auch dann Verantwortung, wenn ein Hund später nicht mehr in seinem ursprünglichen Zuhause bleiben kann.
Darum betrifft dieser Gedanke auch den Tierschutz
Nicht jeder Hund aus einem privaten Wurf landet später im Tierheim. Ebenso wenig lässt sich statistisch genau erfassen, wie viele Tierheimhunde ursprünglich aus dem Wunsch entstanden sind, eine Hündin einmal Welpen bekommen zu lassen.
Dennoch berichten Tierheime seit Jahren von hoher Auslastung, fehlenden Plätzen und immer mehr Tieren, die nicht aufgenommen werden können. Hunde werden abgegeben, weil ihre Haltung schwieriger, teurer oder zeitaufwendiger geworden ist als erwartet.
Vor diesem Hintergrund erhält jede Entscheidung für einen Wurf eine zusätzliche Bedeutung.
Es reicht nicht, für acht oder zehn Wochen geeignete Plätze für die Welpen zu finden. Jeder dieser Hunde verdient auch als erwachsener, alter, kranker oder vielleicht verhaltensauffälliger Hund Menschen, die liebevoll und beständig zu ihm stehen.
Ein Welpe ist kein einmaliges Erlebnis. Er ist ein Lebewesen, dessen Leben durch die Entscheidung des Menschen überhaupt erst beginnt.
Was die Hündin wirklich braucht
Vielleicht möchten Menschen ihrer Hündin mit einem Wurf etwas Gutes tun. Gerade deshalb lohnt sich die Frage, was sie wirklich braucht.
Sie braucht Sicherheit, gesundheitliche Fürsorge, verlässliche Beziehungen, ausreichend Ruhe, Bewegung, soziale Nähe und einen Alltag, der zu ihren individuellen Bedürfnissen passt. Kurz: ein artgerechtes und bereicherndes Leben.
Sie braucht keine Welpen, um ein vollständiges Hundeleben zu führen.
Ein weiterer medizinischer Aspekt, der bei dieser Entscheidung mitgedacht werden sollte: Etwa ein Viertel aller unkastrierten Hündinnen erkrankt bis zum zehnten Lebensjahr an einer Pyometra, einer lebensbedrohlichen Gebärmuttervereiterung. Zwar deuten Studien darauf hin, dass eine Trächtigkeit dieses Risiko etwas senken kann – dieser mögliche Nutzen steht jedoch in keinem Verhältnis zu den eigenen, teils schwerwiegenden Risiken einer Trächtigkeit und Geburt selbst. Die sicherste Vorbeugung gegen eine Pyometra bleibt die Kastration, nicht ein Wurf.
Wer sich für einen Wurf entscheidet, entscheidet über neues Leben.
Verantwortung endet nicht mit der Vermittlung eines Welpen. Sie beginnt mit der Entscheidung, ihn überhaupt auf die Welt kommen zu lassen.
Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke, den dieser alte Glaubenssatz verdient.
Literaturverzeichnis
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Weiterführende Literatur
Deutscher Tierschutzbund (2024). Tierheime sind überfüllt: Nur 18 Prozent haben noch Kapazitäten.

