Spaziergänge neu gedacht – Teil 2: Lebensphasen und Praxis
Junger und älterer Hund im Geschirr gehen an der Leine einen Feldweg entlang, dahinter Sonnenaufgang über einem Flusstal

Einstieg: Dieselbe Runde, ein anderer Hund

Der Feldweg liegt in der Morgensonne, ich freue mich gerade ganz allgemein über die Welt, da raschelt es hinter der Wegbiegung. Ein Junghund. Sieben, acht Monate, schätze ich. Die Ohren wehen im Wind, die Beine sind vor lauter Tempo fast verknotet, und im Kopf gibt es nur eine Frage: Stehenbleiben – wer hat das erfunden? Seine Bezugsperson hängt am anderen Ende der Leine und versucht, wenigstens im selben Postleitzahlgebiet zu bleiben.

Netty steht an ihrer 15-Meter-Schleppleine und wirft dem Wirbelwind einen Blick zu, den man nur mit „Ach, die Jugend“ übersetzen kann. Dann wendet sie sich wieder dem Wegrand zu. Ihre kupierte Rute bleibt ruhig. Sie wedelt ohnehin nur bei Erregung, und Erregung stand heute nicht auf ihrem Tagesplan.

Vor ein paar Jahren sah meine Runde mit ihr noch anders aus: länger, schneller und mit weniger Pausen. Heute ist Netty dreizehn, und ihre Runde ist kürzer, langsamer und trotzdem kein bisschen weniger wertvoll. Der junge Hund da vorn braucht etwas völlig anderes als sie. Und sie braucht heute etwas anderes als vor zehn Jahren.

Ein Spaziergang ist also nie „einfach ein Spaziergang“. Er gehört zu einem bestimmten Hund in einer bestimmten Lebensphase, an einem bestimmten Tag. Genau darum geht es in Teil 2.

Dieselben Säulen, andere Bedürfnisse

Wenn du den Einstieg in diese Serie gelesen hast, kennst du die 5 Säulen des Enrichments, dargestellt als Tempel: vier Säulen, darüber das Dach der emotionalen Zustände. An dieser Bauweise ändert sich im ganzen Hundeleben nichts. Was sich ändert, ist die Einrichtung.

Ein Beispiel für die Säule „Umwelt“: Für den Junghund vom Feldweg ist fast alles neu, und das ist schlicht manchmal zu viel des Guten. Für Netty bedeutet dieselbe Säule: vertraute Wege, ein Tempo, das sie selbst bestimmt, und möglichst wenig „Überraschungen“. Gleiche Säule, völlig andere Möblierung.

Deshalb gibt es keine feste Vorgabe, die dir sagt, wie lange ein Spaziergang für welches Alter „richtig“ ist. Das Alter ist ein Hinweis, aber es gilt mehr zu berücksichtigen als das. Wie schnell ein Hund altert, ist individuell: So ist ein Terrier mit 8 Jahren noch fit, eine Deutsche Dogge ist in diesem Alter schon ein Methusalem. Das Alter sagt dir, worauf du Rücksicht nehmen und wo du genauer hinschauen darfst. Was das für deinen Hund tatsächlich bedeutet, siehst du an seinem Verhalten.

Lebensphasen: Wer läuft da eigentlich neben dir?

Wann ist ein Hund ein Welpe, wann ein Junghund, wann ein Senior? Die Veterinärmedizin gibt zu: Die Grenzen sind willkürlich. Die amerikanische Tierärztevereinigung AAHA schreibt in ihren Leitlinien, dass die Einteilung in Lebensabschnitte willkürlich ist und dass innerhalb jedes Abschnitts je nach Hund Unterschiede bestehen, die eine individuelle Einschätzung verlangen. Die Tabelle ist deshalb eine Orientierung und kein Stundenplan.

LebensphaseGrobe OrientierungWorum es unterwegs vor allem gehtTypische Stolperfallen
Welpevon der Geburt bis zum Ende des schnellen Wachstums, je nach Rasse und Größe etwa 6 bis 9 Monate (AAHA)Die ersten 3 Monate sind das wichtigste Fenster für Sozialisierung: viel Neues, aber in kleinen Portionen. Kurze Runden, weicher Boden, viel RuheZu viele Reize und keine Zeit, sie zu verarbeiten. Zu große oder unpassend zusammengestellte Welpengruppen sowie überfüllte Hundefreilaufflächen mit unkontrollierbaren Sozialkontakten
JunghundPubertät beginnt bei den untersuchten Rassen mit etwa 6 bis 9 Monaten, mit etwa 8 Monaten am deutlichsten, mit 12 Monaten wieder besserBeziehung festigen, Freiraum und Verlässlichkeit, Pausen. Der Körper wächst noch (Hauptwachstum laut Quandt in den ersten 7 Monaten, Riesenrassen brauchen länger)Strafen, wenn der Hund „plötzlich nicht mehr hört“. Dauerbespaßung und zu lange Belastung am Stück
Erwachsener Hundvom Abschluss der körperlichen und sozialen Reife (bei den meisten Hunden mit 3 bis 4 Jahren) bis zum letzten Viertel der erwarteten Lebensspanne (AAHA)Alltag mit Vielfalt: Rasse, Vorlieben und Tagesform bestimmen die RundeDer Alltagstrott: immer dieselbe Runde im selben Tempo
Seniorletztes Viertel der geschätzten Lebensspanne (AAHA), bei großen Hunden deutlich früher als bei kleinenTempo, Komfort, Nase, Pausen. Kürzer, dafür geistig anspruchsvollerSchmerzen, die als „Alter“ abgetan werden. Nachlassende Sinne

Welpe: Kleine Portionen, große Wirkung. Laut der amerikanischen Gesellschaft für Tierverhalten (AVSAB) sind die ersten drei Lebensmonate das wichtigste Zeitfenster, um Welpen an Menschen, Tiere und Umgebungen zu gewöhnen. Das heißt nicht „möglichst viel“: Die AVSAB betont, dass die Reize so dosiert sein sollen, dass der Welpe nicht überfordert wird, also keine Angst, kein Rückzug, kein Meiden zeigt. Für den Spaziergang bedeutet das: Ein Stück Wegrand, ein Traktor aus sicherer Entfernung und ein freundlicher Hund können schon ein volles Programm sein. Orte mit vielen Hunden unbekannten Impfstatus, wie Hundewiesen, rät die AVSAB zu meiden, solange die Impfung nicht abgeschlossen ist.

Auch die Bewegung selbst verdient einen Blick. Eine norwegische Studie begleitete 501 Hunde aus vier großen Rassen (Neufundländer, Labrador, Leonberger, Irischer Wolfshund). Welpen mit Freilauf in den ersten drei Monaten hatten später seltener eine Hüftdysplasie. Das Autorenteam rät zu Bewegung draußen, auf weichem Boden in mäßig unebenem Gelände.

Welpengruppe: wenn, dann so

Eine Welpengruppe darf aus meiner Sicht höchstens 4 Welpen haben und muss von einer sehr guten Trainerin oder einem sehr guten Trainer angeleitet werden. Dazu gehört:

  • ähnliches Alter und ähnliche Größe der Welpen
  • kurze Spielphasen mit ausreichend Pausen
  • eine Anleitung, die Körpersprache liest, früh eingreift und das Spiel beendet, bevor es zu viel wird
  • Training über positive Verstärkung

Wenn dir jemand sagt „Schau mal, wie schön die übereinander stolpern!“, ist das kein Spiel, sondern ein Grund, die Gruppe zu wechseln.

Junghund: Der Pubertier-Faktor. Eine britische Studie verglich Hunde im Alter von 5 und 8 Monaten. Mit 8 Monaten reagierten die Hunde auf „Sitz“ von ihrer Bezugsperson seltener als mit 5 Monaten. Auf Fremde reagierten sie dabei sogar besser. Mit 12 Monaten war die Trainierbarkeit laut Bezugspersonen wieder da. Die Forschenden sehen darin eine Phase, die vorübergeht, und raten, Hunde nicht zu bestrafen und sich nicht emotional zurückzuziehen. Das passt zu einem Hundetraining mit positiver Verstärkung: Dein Junghund ist nicht plötzlich stur, sein Gehirn ist mitten im Umbau.

Für den Körper gilt: Das Wachsen ist schon Arbeit genug. Die Tierärztin Anette Quandt empfiehlt für Junghunde großwüchsiger Rassen kurze Belastungszeiten mit langen Ruhephasen, als Faustregel höchstens 10 Minuten am Stück laufen, dann mindestens 5 Minuten Pause.

Erwachsener Hund: Der Trott schleicht sich ein. Jetzt ist vieles möglich, und genau darin liegt die Gefahr: Dieselbe Runde, dasselbe Tempo, das Handy in der Hand. Hier lohnt es sich, die Runde ab und zu neu zu denken: andere Wege, andere Untergründe, mal länger stehen bleiben. Die Fragen aus Teil 1 helfen dabei.

Senior: Mehr Ruhe, mehr Nase. Ab wann ein Hund ein Senior ist, hängt von seiner Größe ab. Eine Auswertung von Daten aus 74 Hunderassen zeigt: Große Hunde altern schneller und leben deshalb kürzer. Eine Deutsche Dogge ist darum viel früher „alt“ als ein Terrier, das Alter allein sagt wenig.

Wird dein Hund langsamer, kann das mehr sein als „das Alter“. In einer Studie mit 99 Hunden mit Arthrose hatten Alter sowie Schmerzen und Muskelschwund in den Hinterbeinen einen nachweisbaren Einfluss auf die Aktivität. Beim Verdacht auf Schmerzen oder Verhaltensänderungen gehört der Hund zum Tierarzt. Mehr dazu, wenn Verhalten und Orientierung sich verändern, findest du in meinem Beitrag zu Demenz beim Hund.

Quandt beschreibt, dass bei älteren Hunden Sehen, Hören und Muskelkraft nachlassen, und empfiehlt kürzere, dafür geistig anspruchsvollere Aufgaben. Manche Hunde, die früher Spielzeug liebten, lassen sich im Alter besser mit Futter motivieren. So ist es auch bei Netty: Die Nase macht Überstunden. Und weil ein älterer Hund auch dich fordert: Warum Selbstfürsorge kein Verrat am Hund ist, liest du in meinem Beitrag Liebe bis zur Selbstaufgabe.

Frage dich nach dem Spaziergang

  • Passte die Runde heute zur Lebensphase meines Hundes?
  • Hat sich bei ihm etwas verändert (Tempo, Schnüffelfreude, Reaktion auf Signale), das ich beobachten oder tierärztlich abklären lassen sollte?

Die norwegische Studie ist eine Beobachtungsstudie mit Fragebögen (nur vier große Rassen) und zeigt Zusammenhänge, keine Ursache. Die britische Pubertätsstudie untersuchte Hunde, die als Blindenführhunde vorgesehen waren (unter anderem Labrador und Golden Retriever). Für andere Rassen und Familienhunde ist das nicht belegt. Dass das Gehirn in der Pubertät umgebaut wird, ist für Säugetiere allgemein belegt, beim Hund wurde es hier nicht gemessen. Die Faustregel „10 Minuten am Stück, dann 5 Minuten Pause“ ist Expertenmeinung (Quandt), kein Studienergebnis. Für die verbreitete „5-Minuten-pro-Lebensmonat-Regel“ habe ich keine Studie gefunden. Die Arthrose-Studie umfasste nur Hunde mit Arthrose. Die Auswertung von 74 Rassen fand keinen klaren Zusammenhang zwischen Größe und Beginn des Alterns, sondern eine höhere Alterungsrate bei großen Hunden. Die Zahl 4 bei der Welpengruppe ist meine Empfehlung aus der Praxis, keine Studienaussage. Eine britisch-irische Studie zeigt, dass Gruppengrößen stark variieren. Zum Geruchssinn im Alter sind die Studien uneinheitlich: Ein Test mit 411 Familienhunden fand schlechtere Leistungen bei älteren Hunden, ein anderer (65 Hunde) weniger Interesse an neuen Düften, eine Hirnstudie (Ruhe-MRT, 31 ausgewertete Hunde) schwächere Verbindungen im Riechsystem, aber nicht nur dort. Eine Masterarbeit fand kaum einen Effekt des Alters. Nasenarbeit ist für viele Senioren gut machbar, ob sie die Nase erhält, ist nicht belegt.

Hunde mit besonderen Voraussetzungen: Die Runde nach Maß

Besondere Voraussetzungen heißen nicht „weniger Spaziergang“, sondern „Spaziergang nach Maß“. Quandt fasst es sinngemäß so: Für jeden Hund und jedes Alter gibt es passende Bewegung, sie muss nur sorgfältig ausgewählt und tierärztlich begleitet werden. Wichtig: Dieser Beitrag und der Jahreszeiten-Check ersetzen weder eine tierärztliche Untersuchung noch eine individuelle Beratung.

Hunde mit gesundheitlichen Einschränkungen. Bei Gelenkerkrankungen rät Quandt, Springen zu vermeiden, ebenso sehr harten oder sehr weichen und unebenen Untergrund sowie steile Hänge. Eine Ausstiegshilfe fürs Auto kann helfen. Bei Herzerkrankungen sind Belastungsspitzen und Sprints ungünstig, und der Hund sollte nicht „angeheizt“ werden. Bei Rückenproblemen sind Springen und Zerrspiele tabu. Für Gelenk- und Herzprobleme nennt sie ausdrücklich die Nasenarbeit als gut geeignet. Dein Hund darf also weiter schnüffeln, und Schnüffeln schlägt Sprint. Bei Schwerhörigkeit können Handzeichen sinnvoll sein. Auch hier gilt Säule 4 aus Teil 1: Ein Hund mit Einschränkungen braucht Wahlmöglichkeiten, zum Beispiel die kürzere Variante, eine Pause oder umkehren zu dürfen. Daneben gibt es viele weitere chronische Erkrankungen. Sie würden den Rahmen dieses Beitrags sprengen, für sie gilt der Tipp mit dem Gesundheitstagebuch weiter unten erst recht.

Hunde mit besonderem Körperbau. Kurznasige Hunde wie die Französische Bulldogge haben ein Wärmeproblem, das schon bei wenig Bewegung beginnt. Ein Schweizer Team (Koch, Piroth und Michel) ließ 21 kurznasige und 15 Hunde mit normaler Nasenlänge 10 Minuten im Schritttempo auf dem Laufband gehen, bei 23 bis 25 °C. Bei den kurznasigen Hunden stieg die Körpertemperatur mehr als doppelt so stark (im Mittel um 0,59 °C, bei den anderen um 0,25 °C). Die Autoren sehen die kurze Nase als Grund: Sie bietet weniger Fläche, um über das Hecheln Wärme abzugeben. Auch ein Schritt-Spaziergang kann an einem milden Tag also schon Anstrengung sein. Mehr dazu im Jahreszeiten-Check.

Auch Hunde mit langem Rücken und kurzen Beinen, wie Dackel, haben nach der britischen DachsLife-Studie ein deutlich höheres Risiko für Bandscheibenerkrankungen als andere Rassen. Das heißt nicht, den Dackel in Watte zu packen: Beobachtungsstudien sehen mehr Bewegung eher mit weniger Bandscheibenproblemen verbunden (siehe Nerd-Kasten). Sprünge in die Tiefe sind für Hunde dagegen grundsätzlich nicht gebaut, so Quandt.

Ängstliche und reaktive Hunde. Ihre besondere Voraussetzung ist selten die Kondition, sondern die Reizmenge: weniger Verkehr, mehr Abstand, ruhigere Tageszeiten. Wie du erkennst, wann es zu viel wird, und wie Abstand und Ausweichen funktionieren, erfährst du in Teil 3.

Du lebst 24/7 mit deinem Hund zusammen und bemerkst Veränderungen im Alltag oft früher als jede Tierarztpraxis. Du weißt also meist am besten, was deinem Hund wann guttut und wann nicht. Natürlich ist es immer legitim, einen Tierarzt oder einen Tierphysiotherapeuten zurate zu ziehen, und bei einer Erkrankung gehören konkrete Bewegungsempfehlungen dorthin. Damit du für dieses Gespräch bestmöglich gerüstet bist, empfehle ich immer ein „Gesundheitstagebuch“, in dem du Verhaltensveränderungen aufzeichnest. Und keine Sorge: Es muss kein Roman sein. Kurze Stichpunkte, was wann aufgetreten ist, mit Datum und Kontext, reichen oft schon aus.

Fragen an deine Tierarztpraxis

  • Was darf mein Hund auf dem Spaziergang (Untergrund, Hänge), und was sollte er lassen (Springen, Sprints)?
  • Wie lang darf die Runde sein, und wie viele Pausen braucht er?
  • Welche Frühsignale sollte ich ernst nehmen? (Quandt nennt zum Beispiel Lahmheit, Lethargie, häufiges Liegen, Schmerzäußerungen und Aggression.)
  • Welche Beschäftigung passt zu seiner Erkrankung (Nasenarbeit, Tricks)?
  • Gesundheitstagebuch mitbringen.

Die Empfehlungen von Quandt sind Expertenmeinung. Die Laufband-Studie ist klein (36 Hunde einer Schweizer Kleintierklinik). Die kurznasigen Hunde waren schwerer (12,7 kg gegenüber 9,9 kg) und nicht ans Laufband gewöhnt, die Autoren nennen auch Übergewicht, Atemarbeit und Stress als mögliche Mitursachen. Die Aussage zum höheren Dackel-Risiko stammt aus der Einleitung der DachsLife-Studie und ist nicht am Original geprüft. Eine dänische Studie (48 Rauhaardackel, verkalkte Bandscheiben) und eine US-Befragung (43.517 Hunde, berichtete Bandscheibenerkrankungen) sehen mehr Bewegung mit weniger Problemen verbunden. Beides zeigt Zusammenhänge, keine Ursache. Bei bestehender Bandscheibenerkrankung gilt der Rat der Tierarztpraxis.

Der Jahreszeiten-Check: Deine Runde im Wandel

Merkst du, dass dieselbe Runde im Januar und im Juli ein ganz anderer Spaziergang ist? Jede Jahreszeit birgt potenzielle Stolperfallen. Hier ein kurzer Rundgang durchs Jahr.

Frühling: Zecken und Brut- und Setzzeit. Zecken lesen keinen Kalender, nur das Thermometer. Sie werden ab etwa 7 °C aktiv. Laut dem Expertenverband ESCCAP sind sie durch die milderen Winter inzwischen beinahe ganzjährig ein Thema, nicht nur im Frühling. Such deinen Hund deshalb nach jedem Spaziergang ab. Bei dunklem oder langem Fell wird leicht etwas übersehen. Welcher Zeckenschutz zu deinem Hund passt, klärst du mit deiner Tierarztpraxis.

Wild und Leinenpflicht: In vielen Bundesländern gilt in der Brut- und Setzzeit eine Leinenpflicht in der freien Landschaft. Die Zeiträume sind nicht einheitlich: In Niedersachsen läuft sie vom 1. April bis 15. Juli, in Sachsen-Anhalt beginnt sie schon am 1. März. Dazu kommen Regeln von Gemeinden und Schutzgebieten. Frag bei deiner Gemeinde oder Kreisverwaltung nach, was bei dir gilt. Mehr zur Schleppleine liest du in Teil 3.

Sommer: Hitze. „Hunde sterben nicht nur im heißen Auto“, so der Titel einer britischen Studie. Forschende werteten die Tierarzt-Akten von 905.543 Hunden aus und fanden 1.259 Fälle von Hitzschlag. Bei bekanntem Auslöser war es in 74,2 % der Fälle die Bewegung, nur in 5,2 % das Einsperren im Auto. Wo die Art der Bewegung bekannt war, passierte es in 67,5 % der Fälle nach einem ganz normalen Spaziergang. Die Mittagsrunde ist eine Menschenidee, keine Hundeidee. Praktisch heißt das: kühle Tageszeiten wählen, Schatten und Wasser einplanen, das Tempo drosseln. Zur Risikogruppe zählen kurznasige Hunde und Senioren. Auch Netty gehört mit ihren 13 Jahren dazu: Hunde ab 12 Jahren hatten in der Studie eine mehr als dreifach erhöhte Chance (Odds Ratio 3,15), schon beim Aufenthalt im Freien ohne Anstrengung an Hitzschlag zu erkranken. Bei Verdacht auf Hitzschlag lautet die britische Empfehlung: zuerst kühlen, dann transportieren, und sofort die Tierarztpraxis informieren.

Sommer: Giftköder. Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Hilfreich ist, regelmäßig zu üben, dass dein Hund kein fremdes Futter aufnimmt, selbstverständlich mit positiver Verstärkung. Warnungen aus deiner Gegend nimmst du ernst. Bei Verdacht gilt: sofort die Tierarztpraxis anrufen, dem Hund nicht selbst Erbrechen auslösen (bei ätzenden Stoffen oder scharfen Gegenständen kann das schaden) und Reste des Köders sowie Erbrochenes (mit Handschuhen) für die Praxis sichern. Die Symptome können sehr unterschiedlich sein, etwa starkes Speicheln, Zittern, Apathie oder Erbrechen, und teils erst nach Tagen auftreten. Funde meldest du der Polizei.

Herbst: Grasmilben und Dunkelheit. Grasmilben sind winzig, ihr Juckreiz ist es nicht. Die Larven der Herbstgrasmilbe sind etwa von Mitte Juli bis Oktober aktiv und lösen starken Juckreiz aus, vor allem an den Pfoten. Schau deshalb nach Spaziergängen auf Wiesen kurz nach den Pfoten und Beinen. Wenn die Tage kürzer werden, sorgen Leuchtbänder oder Reflektoren an dir und deinem Hund für Sichtbarkeit.

Winter: Salz, Kälte und Glätte. Streusalz ist für die Straße ein Segen und für Pfoten eine Zumutung. Es kann die Pfotenballen austrocknen und reizen. Spül oder wisch die Pfoten nach dem Spaziergang ab, damit dein Hund das Salz nicht ableckt. Kleine Hunde mit kurzem Fell, Welpen sowie ältere oder kranke Hunde frieren schneller. Achte darauf, ob dein Hund zittert. Hier gehört ein gut sitzender Hundemantel in jedem Fall dazu. Auf Glatteis ist für Hunde mit Gelenkproblemen und für Senioren besondere Vorsicht angesagt.

Frage dich nach dem Spaziergang

  • Passten Tageszeit, Temperatur und Untergrund zur Jahreszeit und zu meinem Hund?
  • Habe ich nach dem Spaziergang Fell, Pfoten und Haut kontrolliert (Zecken, Grasmilben, Streusalz)?
  • Habe ich die Nummern meiner Tierarztpraxis und des Notdienstes griffbereit?

Die Hitzschlag-Studie wertet Akten aus britischen Tierarztpraxen von 2016 aus. Sie zeigt Zusammenhänge und gilt nicht automatisch für Deutschland. In einer süddeutschen Klinik war das Einsperren im Auto der häufigste Auslöser (so zitiert in der britischen Studie, das Original habe ich nicht geprüft). Die Aussage „zuerst kühlen, dann transportieren“ stammt aus einem Fachartikel des Forschungsteams. Zu Zecken und Grasmilben stützen sich die Angaben auf den Expertenverband ESCCAP, zur Leinenpflicht auf Beispiele aus einzelnen Bundesländern (die Rechtslage ist nicht einheitlich). Zu Giftködern, Streusalz, Kälte, Hundemantel und Sichtbarkeit im Dunkeln habe ich keine Studien gefunden, die Hinweise beruhen auf Empfehlungen von Behörden und Verbänden sowie auf Praxiserfahrung.

Dein Werkzeug zum Mitnehmen: der Jahreszeiten-Check

Damit dir keine Jahreszeit durchrutscht, gibt es zu diesem Beitrag den Jahreszeiten-Check, ein PDF zum Ausdrucken (2 Seiten, DIN A4). Auf Seite 1 hakst du für jede Jahreszeit ein paar Punkte aus diesem Beitrag ab. Auf Seite 2 ist Platz für „Meine Runde im Wandel“, für die Nummern deiner Tierarztpraxis und des Notdienstes und für das Schönste jeder Jahreszeit.

Ein Hinweis: Auch dieser Check ist kein Urteil, sondern ein Anlass zum Nachdenken. Er ersetzt keine tierärztliche Beratung.

Zurück auf dem Feldweg

Raureif auf dem Feldweg, die Sonne noch tief. Netty trägt ihren Wintermantel. Sie trägt ihn wie eine Dame von Welt. Na gut, wie eine Dame vom Dörfchen, aber mit der entsprechenden Würde. Sie geht ihr Tempo, die Nase knapp über dem Boden, und liest, was die Nacht hinterlassen hat. Hinter der Wegbiegung raschelt es. Diesmal ist es nur der Wind im Laub, aber ich muss an den jungen Hund vom Feldweg denken. Irgendwann wird er so gemächlich unterwegs sein wie Netty. Bis dahin braucht er etwas anderes, und sie braucht, was sie heute braucht.

Dieselben Säulen, andere Bedürfnisse, eine andere Jahreszeit: Das ist ein Spaziergang nach Maß. Netty bleibt stehen, hebt den Kopf und schaut mich an. Ihre Rute rührt sich nicht, aber ihr Blick sagt etwas.

Wie geht es weiter?

Du kennst jetzt die Lebensphasen, die besonderen Voraussetzungen und die Stolperfallen im Lauf des Jahres. Fehlt nur noch der Übersetzer: Dein Hund redet nämlich die ganze Zeit mit dir, nur eben ohne Worte. Im dritten Teil geht es deshalb um Körpersprache und Management: um den „Rucksack“, der täglich gefüllt wird (ob du willst oder nicht), und das Ankommen nach dem Spaziergang, um Begegnungen, Abstand und Tempo und um die Schleppleine. Dazu gibt es wieder ein Werkzeug zum Mitnehmen.

Serie „Spaziergänge neu gedacht“

  • Teil 1: Grundlagen
  • Teil 2: Lebensphasen und Praxis (du bist hier)
  • Teil 3: Körpersprache und Management

Quellen

  1. American Animal Hospital Association (AAHA). 2019 AAHA Canine Life Stage Guidelines: Canine Life Stage Definitions. https://www.aaha.org/aaha-guidelines/life-stage-canine-2019/canine-life-stage-definitions (Webseite geprüft, die Leitlinie in der Fachzeitschrift selbst nicht; abgerufen am 19.10.2026)
  2. Quandt A. Hundetraining aus tiermedizinischer Sicht – passende Bewegung für gesunde Tiere und Tiere mit Handicap. team.konkret. 2014, Heft 4. doi:10.1055/s-0033-1359409 (Volltext geprüft; praxisorientierter Fachartikel ohne eigene Studienbelege, die Aussagen sind Expertenmeinung)
  3. American Veterinary Society of Animal Behavior (AVSAB). Position Statement on Puppy Socialization. © 2008. https://avsab.org/wp-content/uploads/2024/12/Puppy-Socialization-Position-Statement-FINAL.pdf (Volltext geprüft; abgerufen am 19.10.2026)
  4. Krontveit RI, Nødtvedt A, Sævik BK, Ropstad E, Trangerud C. Housing- and exercise-related risk factors associated with the development of hip dysplasia as determined by radiographic evaluation in a prospective cohort of Newfoundlands, Labrador Retrievers, Leonbergers, and Irish Wolfhounds in Norway. American Journal of Veterinary Research. 2012;73(6):838–846. doi:10.2460/ajvr.73.6.838 (Abstract geprüft, Volltext nicht; Autoren- und Seitenangaben nach Zusammenfassungen von AGRIS und Institute of Canine Biology)
  5. Asher L, England GCW, Sommerville R, Harvey ND. Teenage dogs? Evidence for adolescent-phase conflict behaviour and an association between attachment to humans and pubertal timing in the domestic dog. Biology Letters. 2020;16(5):20200097. doi:10.1098/rsbl.2020.0097 (Volltext geprüft)
  6. For dogs, puberty is pretty ruff, too. University of Michigan, Department of Psychology, Meldung nach Smithsonian Magazine und Guardian. https://prod.lsa.umich.edu/psych/news-events/all-news/faculty-news/for-dogs–puberty-is-pretty-ruff–too.html (nur dieser Auszug geprüft; die Angabe „Pubertät bei diesen Rassen etwa mit 6 bis 9 Monaten“ stammt dort aus dem Guardian und steht weder im Originalartikel noch in der Pressemitteilung der Universität Newcastle)
  7. Kraus C, Pavard S, Promislow DEL. The size–life span trade-off decomposed: why large dogs die young. The American Naturalist. 2013;181(4):492–505. doi:10.1086/669665 (Abstract über einen MEDLINE-Eintrag geprüft, Volltext nicht)
  8. Stevens C, Kawecki-Wright E, Rowlison de Ortiz A, Thomson A, Aker S, Perry E, Haupt E, Mondino A, Enomoto M, Gruen ME, Lascelles BDX. Factors influencing, and associated with, physical activity patterns in dogs with osteoarthritis-associated pain. Frontiers in Veterinary Science. 2025;12:1503009. doi:10.3389/fvets.2025.1503009 (Volltext geprüft)
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  10. Nakaimuki A, Paska B, Cuaya LV, Hernández-Pérez R, Czeibert K, Szabó D, Kubinyi E, Andics A. Dogs‘ olfactory resting-state functional connectivity is modulated by age and brain shape. Scientific Reports. 2025;15:11438. doi:10.1038/s41598-025-95123-6 (Volltext geprüft; 33 gemessene, 31 ausgewertete Hunde)
  11. Salamon A, Baranya E, Zsiros LR, Miklósi Á, Csepregi M, Kubinyi E, Andics A, Gácsi M. Success in the Natural Detection Task is influenced by only a few factors generally believed to affect dogs‘ olfactory performance. Scientific Reports. 2024;14. doi:10.1038/s41598-024-62957-5 (Abstract geprüft; Artikelnummer nicht ermittelt)
  12. Corona AC, Harrison H, Hopper RG, Smith AL, Rogers CM, Cook CL, Salzman MM, Peterson KD, Hall NJ, Mowat FM. Reliability, repeatability, and age associations of the dogSIT (dog Smell Interaction Test) battery in untrained companion dogs (Canis lupus familiaris). Scientific Reports. 2026 (online vorab, 23.06.2026). doi:10.1038/s41598-026-59321-0 (Abstract geprüft, Volltext nicht)
  13. Montgomery L. Evaluating Olfactory Decline in Aging Dogs. Masterarbeit, Auburn University; 2024. https://etd.auburn.edu/handle/10415/9478 (Abstract geprüft; Volltext gesperrt)
  14. Koch DA, Piroth AC, Michel S. Thermoregulation als Faktor bei der Pathophysiologie des brachycephalen oberen Atemwegsyndroms des Hundes. Schweizer Archiv für Tierheilkunde. 2025;167(10):540–547. doi:10.17236/sat00464 (Volltext geprüft)
  15. Packer RMA, et al. DachsLife 2015: an investigation of lifestyle associations with the risk of intervertebral disc disease in Dachshunds. Canine Genetics and Epidemiology. 2016. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC5097381/ (Abstract geprüft; weitere Autoren und Band nicht geprüft; das „10- bis 12-fach höhere Risiko“ steht in der Einleitung als Verweis auf frühere Arbeiten, die ich nicht geprüft habe)
  16. Jensen VF, Ersbøll AK. Mechanical factors affecting the occurrence of intervertebral disc calcification in the dachshund – a population study. Journal of Veterinary Medicine A. 2000;47(5):283–296. doi:10.1046/j.1439-0442.2000.00296.x (Abstract geprüft; Autorenangabe nach der Literaturliste einer Übersichtsarbeit)
  17. Demographic and lifestyle characteristics impact lifetime prevalence of owner-reported intervertebral disc disease: 43,517 companion dogs in the United States. Journal of the American Veterinary Medical Association. 2025;263(5):1–9. doi:10.2460/javma.24.08.0553 (Abstract geprüft; Autorenliste nicht ermittelt)
  18. ESCCAP Deutschland. Borreliose beim Hund – bald ein ganzjähriges Risiko? tierärztezeitung. 2020;02:22–23. https://www.esccap.de/v2/wp-content/uploads/2021/03/ESCCAP_2-2020_Doppelseiten.pdf (nur Textauszug geprüft)
  19. Bundestierärztekammer. Keine Chance den Zecken! Presseinformation Nr. 08/2013 vom 16.04.2013. https://www.bundestieraerztekammer.de/presse/archiv/2013/PM_08_13_Zecken.pdf (Textauszug geprüft)
  20. ESCCAP Deutschland. Prävention von durch Zecken übertragbaren Infektionen bei Hunden. https://esccap.de/praevention-von-durch-zecken-uebertragbaren-infektionen-bei-hunden (Auszug geprüft; Hinweis auf das Absuchen nach jedem Spaziergang)
  21. Landkreis Lüneburg. Brut- und Setzzeit, Leinenpflicht in Niedersachsen (Flyer, Stand März 2022). https://www.landkreis-lueneburg.de/_Resources/Persistent/2/5/8/2/258252c727ad6599de08f26600b8d0c423c99489/Brut-%20und%20Setzzeit%20Flyer%20%28Stand%20M%C3%A4rz%202022%29.pdf (Auszug geprüft; beruft sich auf das Niedersächsische Gesetz über den Wald und die Landschaftsordnung)
  22. Volksstimme. Niedere Börde weist auf Leinenpflicht für Hunde in und außerhalb von Ortschaften hin. https://www.volksstimme.de/lokal/wolmirstedt/niedere-borde-weist-auf-leinenpflicht-fur-hunde-in-und-ausserhalb-von-ortschaften-hin-3155093 (Zeitungsbericht über eine Gemeindeinformation zu Sachsen-Anhalt; Rechtsquelle nicht geprüft)
  23. Hall EJ, Carter AJ, O’Neill DG. Dogs don’t die just in hot cars—exertional heat-related illness (heatstroke) is a greater threat to UK dogs. Animals. 2020;10(8):1324. doi:10.3390/ani10081324 (Volltext geprüft)
  24. Bradbury J, Hall E, Carter A, O’Neill DG. Canine heat-related illness (heatstroke) – new perspectives from recent research. 2023. doi:10.12968/coan.2023.0015 (Manuskriptversion, Volltext geprüft; Zeitschrift nur aus dem DOI-Kürzel ableitbar, Verlag MA Healthcare)
  25. Teichmann S, Turković V, Dörfelt R. Hitzschlag bei Hunden in Süddeutschland. Tierärztliche Praxis Ausgabe K. 2014;42:213–222. doi:10.1055/s-0038-1623770 (nur als Zitat in Nr. 23 geprüft, Original nicht)
  26. Land Oberösterreich. Tierschutz-Landesrätin Birgit Gerstorfer: Achtung Giftköder! Presseaussendung vom 14.04.2021. https://www.land-oberoesterreich.gv.at/253133.htm (Auszug geprüft)
  27. Stadt Köln. Was im Fall des Falles zu tun ist (Giftköder). https://www.stadt-koeln.de/artikel/73279/index.html (Auszug geprüft)
  28. ESCCAP Deutschland. Herbstgrasmilben bei der Katze (mit Hinweisen zu Hunden). praxisnah. 2024;7+8. https://esccap.de/v2/wp-content/uploads/2024/08/pn_0708_24_esccap_240612_vp.pdf (Auszug geprüft; Titel nennt nur Katzen)
  29. DocCheck Flexikon. Trombicula (Herbstgrasmilbe). https://flexikon.doccheck.com/de/Trombicula (Auszug geprüft; Angabe zur Saison „Mitte Juli bis Ende Oktober“)
  30. ZZF Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe. Gassigehen im Winter, Pressemitteilung 2023. https://www.presseportal.de/download/document/6565cea1270000fd2c92f0f6-zzf-pma-2623-gassigehen-im-winter.pdf (Auszug geprüft; Verbandsmitteilung, keine Studie)