Spaziergänge neu gedacht
Hund schnüffelt auf dem Spaziergang konzentriert an einem Grashalm

Einstieg: Spaziergänge neu gedacht – Warum der Grashalm wichtiger ist als der Kilometerstand

Es ist kühl, ich habe noch so einige Dinge auf der To-do-Liste. Mein Blick wandert bereits zum wiederholten Mal zur Uhr. Netty bemerkt davon nichts. Sie steht an einem langen Grashalm. Nicht auf einer großen Wiese. Nicht an einem Busch. An einem einzigen Grashalm. Nase dran, Nasenflügel in Aktion, Blick auf den Halm – so konzentriert, als würde sie gerade den Wirtschaftsteil der Tageszeitung lesen.

Ich zähle innerlich bis zehn. Dann bis zwanzig. Irgendwann höre ich auf zu zählen und schaue dem Grashalm dabei zu, wie er gelesen wird.

Netty ist eine dreizehnjährige Seniorin, eine Deutsch-Kurzhaar-Hündin, die 2016 mit dreieinhalb Jahren aus einer französischen Tötungsstation bei mir einzog, und sie hat mir über die Jahre mehr über Spaziergänge beigebracht als jedes Fachbuch: Der Spaziergang gehört nicht nur mir. Er gehört vor allem ihr. Und manchmal sogar genau diesem einen speziellen Grashalm. Warum ich dir vorschlage, den Spaziergang mit Hund neu zu denken, erzähle ich dir in dieser dreiteiligen Serie.

Spaziergänge neu betrachten

Wenn von „Gassi“ die Rede ist, denken viele Bezugspersonen an Bewegung: Runde drehen, Hund „auslasten“, Haken dran. Das ist verständlich. Es greift aber zu kurz.

Mehr als Bewegung und Strecke

Spaziergänge sind für deinen Hund die tägliche Gelegenheit, seine Umwelt wahrzunehmen, Informationen zu sammeln und wichtige Bedürfnisse auszuleben. Nicht die zurückgelegten Kilometer entscheiden über deren Wertigkeit, sondern das, was dein Hund unterwegs erleben kann und vor allem darf.

Diese Erlebnisse laufen bei Hunden hauptsächlich über die Nase. Selbstverständlich sind immer auch alle anderen Sinne „eingeschaltet“ – die Nase ist aber das Organ, über das die meisten Infos „gelesen“ werden.

Die Verhaltensforscherin Juliane Bräuer vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena beschreibt Hunde als Tiere, die in einer Welt der Gerüche leben. Je nach Duftstoff riechen sie 10.000- bis 100.000-mal besser als Menschen. Damit sie diese Fähigkeit nutzen können, müssen sie aktiv schnüffeln.

Wie viel Platz das im Spaziergang einnimmt, zeigt eine britische Beobachtungsstudie von Forschenden der Universitäten Liverpool und Bristol. Sie beobachteten 286 Hund-Mensch-Teams an drei beliebten Spazierorten, jeweils bis zu zehn Minuten lang. Im Mittel entfielen 20,7 % der beobachteten Zeit auf das Schnüffeln am Boden. Einzelne Hunde schnüffelten dabei fast ununterbrochen (bis zu 76 % der Zeit) und ziehen diesen Durchschnitt nach oben. Deshalb lohnt der Blick auf den Median: Stell dir alle Hunde der Reihe nach sortiert vor, vom kleinsten bis zum größten Schnüffelanteil. Der Median ist der Wert des Hundes genau in der Mitte der Reihe. Er lag bei knapp 16 %. Ein Sechstel bis ein Fünftel der beobachteten Zeit ist also kein „Trödeln“, sondern artgerechtes Verhalten und somit unabdingbar.

Dass dieses Schnüffeln mehr ist als ein Zeitvertreib, legt auch eine Studie von Charlotte Duranton und Alexandra Horowitz nahe.

Worum ging es dabei? Hunde, die bei Menschen leben, können im Alltag meist nicht selbst bestimmen, was sie tun. Ihr kompletter Tagesablauf wird von der Bezugsperson vorgegeben: Wann wird gefressen, wann geht es raus, wann ist der Hund (wieder mal) allein und so weiter. Hunde haben selten die Gelegenheit, ein artgerechtes Verhalten auszuleben: mit ihrer Nase nach Futter zu suchen. Duranton und Horowitz wollten wissen: Geht es Hunden emotional besser, wenn sie regelmäßig mit der Nase suchen dürfen?

An der Studie nahmen 20 erwachsene Hunde teil, je zehn pro Gruppe. Die Hunde der einen Gruppe durften zwei Wochen lang täglich Nasenarbeit machen, also mit der Nase versteckte Leckerchen suchen. Die Hunde der anderen Gruppe übten im selben Zeitraum das Bei-Fuß-Laufen, also das dichte Gehen neben dem Menschen, und erhielten dafür ebenfalls Leckerchen.

Beide Gruppen wurden also positiv belohnt. Der Unterschied: Die einen durften ihre Nase benutzen und selbst suchen, die anderen mussten sich ganz nach dem Menschen richten.

Aber wie misst man die Gefühlslage eines Hundes? Fragen kann man ihn ja nicht. Dafür gibt es einen cleveren Test. Er hat übrigens nichts mit Nasenarbeit zu tun, sondern prüft, wie ein Hund eine völlig andere, für ihn nicht eindeutige Situation einschätzt. Genau das macht den Test aussagekräftig. Ich zeige ihn dir an einem Beispiel.

So misst man „Optimismus“ bei einem Hund – ein Beispiel

Schritt 1: Lernen. Dein Hund lernt: Steht der Napf auf seiner linken Seite, ist Futter drin. Steht der Napf auf seiner rechten Seite, ist er leer. Das wird geübt, bis er es sicher weiß. Die Näpfe stehen dabei in einiger Entfernung von ihm, damit er nicht sehen oder riechen kann, was drin ist. Er muss hinlaufen, um es herauszufinden.

Schritt 2: Der Test. Jetzt wird der Napf in die Mitte (also genau zwischen links und rechts, ebenfalls in einiger Entfernung) gestellt. Ist Futter drin? Der Hund kann es von seinem Platz aus weder sehen noch riechen, er weiß es also nicht. (Tatsächlich ist der Napf leer, aber das kann er ja nicht wissen.)

Schritt 3: Die Messung. Jetzt wird gestoppt, wie schnell der Hund hinläuft:

  • Ein Hund in guter Stimmung denkt: „Vielleicht ist da was drin!“ und läuft zügig los. Er gilt als optimistisch.
  • Ein Hund in schlechterer Stimmung denkt: „Wird wohl wieder nichts sein.“ und zögert. Er gilt als pessimistisch.

Ein bisschen wie bei Menschen: Wer gute Laune hat, sieht das Glas eher halb voll.

Dieser Test wurde mit allen Hunden zweimal gemacht: vor den zwei Wochen und danach. Das Ergebnis: Nach den zwei Wochen liefen die Hunde der Nasenarbeit-Gruppe schneller zum Napf in der Mitte als vorher. Sie waren optimistischer geworden. Bei den Hunden der Bei-Fuß-Gruppe änderte sich nichts. Duranton und Horowitz schließen daraus, dass mehr Zeit für das Suchen mit der Nase das Wohlbefinden von Hunden verbessern kann. Mehr zur Nasenarbeit findest du in meinem Beitrag Nasenarbeit & Zielgeruchsuche.

Für Nerds: Der Fachbegriff

Der Test heißt Cognitive Bias Test (auch Judgment-Bias-Test). Typischerweise wird der Napf nicht nur in der Mitte, sondern an mehreren Zwischenpositionen zwischen „Futter“ und „leer“ gestellt. Er steht also mal näher an der Futter-Seite, mal näher an der Leer-Seite und mal genau dazwischen. Gemessen wird die Latenz, also die Zeit bis der Hund beim Napf ist. In der Studie sank sie in der Nasenarbeit-Gruppe statistisch deutlich, das heißt: nicht zufällig. In der Bei-Fuß-Gruppe blieb sie unverändert.

Wichtig zur Einordnung: Untersucht wurde gezielte Nasenarbeit (das Suchen nach Leckerchen), nicht der Schnüffelmoment am Wegesrand. Dass sich das übertragen lässt, ist plausibel, aber nicht direkt belegt.

Gemeinsame Lebens- und Erfahrungszeit

Unterwegs erleben Hund und Mensch ihre Umwelt gemeinsam. Dabei können Orientierung, Vertrauen und gegenseitiges Verständnis wachsen. Dafür braucht es keine Programmpunkte und keine Dauerbeschallung. Manchmal reicht es, nebeneinander stehen zu bleiben und dasselbe Stück Wiese anzuschauen, wenn auch mit sehr unterschiedlichem Erkenntnisinteresse.

Unterschiedliche Erwartungen von Hund und Mensch

Hier beginnt das Missverständnis. Menschen möchten häufig eine bestimmte Strecke gehen oder ein Ziel erreichen. Hunde möchten schnüffeln, beobachten, erkunden und gelegentlich einfach stehen bleiben. Ich nenne das liebevoll das „Grashalm-Syndrom“: Der Hund hängt minutenlang an einem einzigen Halm, die Bezugsperson ist mit den Gedanken schon beim Einkauf, der Hund dagegen ganz im Augenblick.

Interessant ist, was die Leine damit zu tun haben kann. In der bereits erwähnten Studie schnüffelten Hunde ohne Leine im Median 16 % der Zeit, Hunde an der Leine 4 %. Diesen Vergleich muss man vorsichtig lesen: Beim Vergleich unabhängiger Gruppen war der Unterschied nur noch schwach belegt (9 % gegenüber 16 %). Bei den Hunden, die in beiden Situationen beobachtet wurden, schnüffelten sie dagegen ohne Leine statistisch deutlich mehr. Westgarth und Kollegen halten zwei Erklärungen für möglich: Hunde schnüffeln lieber ohne Leine, oder die Reize, die zum Schnüffeln einladen, sind an der Leine schlechter erreichbar.

Nun höre ich schon: „Ich kann meinem Hund keinen Freilauf gewähren.“ Und ja, dafür habe ich Verständnis. Netty ist auch prinzipiell an der Schleppleine gesichert. Diese ist jedoch 15 m lang und somit hat sie einen guten Bewegungsradius. Entscheidend ist nicht, ob Leine oder nicht, sondern ob dein Hund Zeit und Raum zum Schnüffeln bekommt. Mehr zur Schleppleine gibt es in Teil 3 dieser Serie.

Und noch etwas aus derselben Studie: Hunde der Gruppe „Gundogs“, zu der auch Vorstehhunde zählen, schnüffelten besonders viel. Netty ist also nicht „stur“, weil sie an dem besagten Grashalm hängen bleibt, sondern statistisch gesehen „im Dienst“.

Impulse statt Patentrezepte

Jeder Hund und jedes Hund-Mensch-Team ist individuell. Was ich in dieser Serie vorstelle, sind deshalb Einladungen, kleine Impulse und keine Vorschriften. Such dir heraus, was zu deinem Alltag, zu deiner Tagesform und vor allem zur Tagesform und den Bedürfnissen deines Hundes passt. Ganz nach dem Motto: Das Büffet ist eröffnet, eine feste Menüfolge gibt es nicht.

Wichtig: Dieser Beitrag und der 5-Säulen-Check ersetzen weder eine tierärztliche Untersuchung noch eine individuelle Beratung. Wenn dir an deinem Hund etwas auffällt, lass es bitte tierärztlich abklären.

Qualität vor Quantität

Stell dir zwei Spaziergänge vor. Nummer 1: zwei Stunden zügiges Tempo, Hund im Schlepptau, Blick auf die Uhr. Nummer 2: 30 Minuten mit jeder Menge Schnüffelpausen an Orten, die dein Hund auswählt, ein paar Minuten ruhiges Sitzen am Waldrand und dann in gemütlichem Tempo zurück nach Hause. Welcher war der bessere? Die ehrliche Antwort lautet: Das kommt darauf an.

Länge allein macht keinen guten Spaziergang

Ein Spaziergang wird nicht automatisch wertvoller, nur weil er lang ist.

Interessant ist, wie vorsichtig sogar der Gesetzgeber formuliert: Die Tierschutz-Hundeverordnung verlangt „ausreichend Auslauf im Freien“ und schreibt vor, dass Auslauf und Sozialkontakte an Rasse, Alter und Gesundheitszustand des Hundes anzupassen sind. Eine Mindestzahl an Minuten oder Kilometern nennt sie dafür nicht.

Das ist allerdings kein Freibrief für „Hauptsache kurz“. Eine große britische Umfrage unter Bezugspersonen von 12.314 Rassehunden zeigte, dass viele Hunde weniger Bewegung bekommen, als der britische Kennel Club für ihre Rasse empfiehlt. Pickup und Kollegen sehen darin ein mögliches Tierwohlproblem. Bewegung braucht dein Hund also durchaus. Sie ist nur nicht alles!

Bedürfnisse erfüllen statt Kilometer sammeln

Schnüffeln, Erkunden, Beobachten und Pausen können für deinen Hund wichtiger sein als eine möglichst große Runde. Welche Bedürfnisse das sind, zeigen dir die fünf Säulen.

Der Spaziergang darf sich deshalb daran orientieren, was dein Hund gerade braucht. Dabei helfen zwei einfache Fragen, die du dir nach jedem Spaziergang stellen kannst:

Frage dich nach dem Spaziergang:

Was hatte mein Hund von diesem Spaziergang?

Konnte mein Hund seine Bedürfnisse ausreichend erfüllen?

Auch kurze Spaziergänge sind wertvoll

Eine kurze, ruhige Runde kann viele positive Erfahrungen ermöglichen, besonders dann, wenn dein Hund ausreichend Zeit und Wahlmöglichkeiten bekommt. Das ist eine gute Nachricht für Tage, an denen Zeit oder Kraft knapp sind, an beiden Enden der Leine.

Hinzu kommt: Kein Spaziergang beginnt bei null. Was dein Hund heute schon erlebt hat, zählt mit. Ich nenne das gern den „Rucksack“: Jedes Erlebnis legt einen Stein hinein, ein positives einen kleinen, ein belastendes einen dicken Brocken. Je voller der Rucksack, desto entspannter sollte der Spaziergang ausfallen und desto mehr darf dein Hund selbst entscheiden, zum Beispiel bei einer kleinen Schnüffelrunde ohne zusätzliche „Steine“ in Form von Begegnungen.

Einordnung: Eine Studie, die kurze und lange Spaziergänge direkt auf das Wohlbefinden von Hunden vergleicht, habe ich bei meiner Recherche nicht gefunden. Die Aussage stützt sich auf die Befunde zur Nasenarbeit (oben) und zur Verarbeitung von Erlebnissen (unten). Das Rucksack-Bild ist ein Erklärbild aus der Praxis. Wie es zur Forschung passt, schaue ich mir in Teil 3 an.

Ruhe, Wahrnehmung und Verarbeitung gehören dazu

Stehenbleiben, Beobachten und Pausen sind kein verlorener Teil des Spaziergangs. Im Gegenteil: Sie helfen deinem Hund, Eindrücke aufzunehmen und zu verarbeiten. Das ist mehr als eine nette Idee: Ein ungarisches Forschungsteam um Anna Kis hat untersucht, was bei Hunden nach einem Erlebnis passiert.

Lernen und Schlaf: In einer Studie mit 15 Familienhunden wurde der Schlaf nach einer Lernaufgabe (neue Signale) und nach einer Kontrollaufgabe ohne Lernen aufgezeichnet. Das Lernen veränderte die Hirnströme im Schlaf, und bestimmte Muster hingen damit zusammen, wie viel besser sich die Hunde danach an das Gelernte erinnerten. Eine weitere Gruppe zeigte: Was Hunde zwischen Lernen und Wiederholung tun (schlafen oder aktiv sein), wirkt sich kurz- und langfristig aus.

Gefühle und Schlaf: In einer zweiten Studie (16 Hunde) erlebten die Hunde vor dem Schlafen entweder eine emotional positive oder eine emotional negative Begegnung mit Menschen. Nach den negativen Begegnungen schliefen sie schneller ein, und die Verteilung der Schlafphasen sah anders aus. Kis und Kollegen werten das als ersten direkten Beleg dafür, dass emotionale Erlebnisse den anschließenden Schlaf von Hunden verändern.

Für deinen Spaziergang heißt das: Erlebtes braucht Verarbeitungszeit. Eine Pause auf der Bank, ein ruhiger Moment am Waldrand und danach ein ausgiebiges Nickerchen zu Hause in entspannter Umgebung sind keine verlorene Zeit, sondern Teil des Erlebnisses.

Für Nerds: Was die Studien zeigen – und was nicht

Untersucht wurden Lernaufgaben und Begegnungen unter Studienbedingungen, keine Spaziergänge. Dass Erlebtes im Schlaf verarbeitet wird und dass Gefühle den Schlaf verändern, ist für Hunde belegt. Dass Pausen unterwegs dieselbe Wirkung haben, ist plausibel, aber nicht direkt untersucht. Außerdem sind die Stichproben klein (15 und 16 Hunde).

Ein Spaziergang ist kein Leistungsprogramm

Dein Hund muss unterwegs nicht ständig etwas leisten oder trainieren. Gemeinsames Erleben darf leicht, ruhig und ohne Druck stattfinden.

Einen Hinweis liefert auch die Nasenarbeit-Studie von oben: Nur die Hunde, die selbstständig Leckerchen suchen durften, wurden optimistischer. Das bedeutet nicht, dass Training schlecht wäre. Es bedeutet: Eine Runde, die nur aus Trainingsaufgaben besteht, lässt wenig bis gar keinen Raum für die Selbstbestimmung deines Hundes, von Selbstwirksamkeit ganz zu schweigen.

Und woran erkennst du nun, ob ein Spaziergang für deinen Hund wirklich bereichernd war? Dafür gibt es ein Modell, das sich im Alltag gut merken lässt: die fünf Säulen des Enrichments.

Das 5-Säulen-Modell

Stell dir einen griechischen Tempel vor: vier mächtige Säulen, und darüber thront das Dach. Genau so kannst du dir das 5-Säulen-Modell vorstellen (zumindest mache ich das).

Woher das Modell kommt

Ich habe das Modell im Winterkurs „Therapeutische Futtersuche für Hunde mit Etikett“ bei Dr. Ute Blaschke-Berthold kennengelernt. Es stammt ursprünglich aus der Tierwohlforschung: Das Five Domains Model (auf Deutsch: Modell der fünf Domänen) wurde 1994 von David Mellor (Massey University, Neuseeland) und Cam Reid entwickelt. Zunächst diente es dazu, die Folgen von Eingriffen bei Versuchstieren abzuschätzen. Seither wurde es mehrfach überarbeitet, zuletzt 2020, und wird heute für die Beurteilung des Tierwohls ganz allgemein genutzt.

Eine wichtige Neuerung der späteren Fassungen: Tierwohl bedeutet mehr als die Abwesenheit von Leiden. Das Modell fragt auch, ob ein Tier positive Erfahrungen machen kann.

Dr. Ute Blaschke-Berthold vermittelt das Modell in der Arbeit mit Hunden. Die Stichwörter zu den einzelnen Säulen stammen aus ihrer Kurstabelle.

Was „Enrichment“ bedeutet

„Enrichment“ wird gern mit „Beschäftigung“ übersetzt. Dabei steckt viel mehr dahinter. Nach der Definition von Newberry (1995) ist Enrichment eine Verbesserung der biologischen Funktionsfähigkeit von Tieren in menschlicher Obhut, die durch Veränderungen ihrer Umgebung entsteht.

Das klingt sperrig, deshalb ein Gedanke, den du vielleicht kennst: Die Form folgt der Funktion. Körper und Verhalten sind für bestimmte Aufgaben gebaut. Ein Teckel geht nach dem FCI-Rassestandard auf Hunde zurück, die besonders für die Jagd unter der Erde gezüchtet wurden, und seine kurzen Beine passen dazu. Eine Deutsche Dogge wäre dafür völlig ungeeignet. Ein weiteres Beispiel: Dem FCI-Standard zufolge geht der Labrador vermutlich auf Hunde zurück, die an der Küste Neufundlands von Fischern zum Apportieren von Fischen eingesetzt wurden, und er gilt als ausgezeichneter Wasserhund. Und Netty, ein Deutsch Kurzhaar, ist für die Arbeit mit der Nase gemacht.

Funktionsfähigkeit bedeutet nun: Körper und Verhalten dürfen das, wofür sie gemacht sind, auch tun. Darf ein Labrador nie ins Wasser und Netty nie schnüffeln, läuft ein Teil ihrer Natur sozusagen ins Leere. Dürfen sie es, „funktionieren“ sie so, wie es ihre Biologie vorsieht.

Das heißt: Nicht alles, was nach Entertainment aussieht, ist Enrichment. Entscheidend ist, ob es dem Tier einen echten Mehrwert bringt, für seine Gesundheit, sein Verhalten und sein Wohlbefinden. Ein Spielzeug, das nach drei Minuten in der Ecke liegt, verbessert nichts. Eine Suchaufgabe, bei der dein Hund seine Nase nutzen darf, schon eher (siehe die Nasenarbeit-Studie oben).

Newberry warnt deshalb vor einem häufigen Fehler: Reize wie Spielzeug oder Musik werden als Enrichment angeboten, obwohl sie für die Tiere kaum Bedeutung haben.

Die Schweizer Partnerschule CumCane familiari beschreibt Enrichment entsprechend als bewusste Gestaltung aller Lebensbereiche, die das Wohlbefinden eines Hundes beeinflussen. Daraus ist in der Hundewelt das Bild der 5 Säulen geworden: ein Raster, mit dem du alle Lebensbereiche deines Hundes im Blick behältst, nicht nur seine „Beschäftigung“ (ehrlich, ich mag das Wort mal so gar nicht).

Der Tempel

Vier Säulen tragen das Dach: Ernährung, Umwelt, Gesundheit sowie Entscheidungsfreiheit und Kontrolle. Das Dach, das über allem thront, sind die emotionalen Zustände. Wie es deinem Hund innerlich geht, ist das Ergebnis dessen, was die vier Säulen tragen. Im Original ist das genauso: Die ersten vier Domänen beschreiben die Bedingungen, aus denen Gefühle entstehen, und die fünfte Domäne, der „Mental State“, bewertet sie.

Für Nerds: Original und Kurstabelle im Vergleich

Was im Five Domains Model zu jeder Säule gehört und was die Kurstabelle daraus für Hunde macht:

SäuleIm Original (sinngemäß, Five Domains Model)In der Kurstabelle für Hunde
1 Ernährungausreichend Wasser, ausreichend und ausgewogenes Futter, Abwechslung beim FutterNährstoffe, arttypisches Verhalten, Emotion und Bewegung
2 UmweltRaum, Gerüche, Licht, Geräusche, Temperatur; Erkundung und angenehme sinnliche Eindrückesichere Plätze, Möglichkeiten zur Umwelterkundung, sensorische Stimulation
3 Gesundheitfrei von Krankheiten, Verletzungen und körperlichen Einschränkungen; angemessene Körperkondition und Fitnessschnelle Diagnosen, ausreichende medizinische Versorgung, Bewältigungsstrategien für die medizinische Versorgung
4 Entscheidungsfreiheit und KontrolleDomäne „Behavioural Interactions“: arttypisches Verhalten ausleben, zwischen anregenden Angeboten wählen können; negativ: eingeschränkte Wahl, kein Ausweichen vor BedrohungStrategien zur Bewältigung und Vermeidung negativer emotionaler Zustände
5 Emotionale Zustände„Mental State“: das Ergebnis der ersten vier Domänendeutlich mehr emotional positive als negative Zustände
Der Tempel der fünf Säulen: vier Säulen (Ernährung, Umwelt, Gesundheit, Entscheidungsfreiheit und Kontrolle) tragen das Dach „Emotionale Zustände“
Der Tempel der fünf Säulen

Säule 1: Ernährung

Worum geht es? Ernährung bedeutet mehr als satt werden. Dazu gehören drei Dinge: Nährstoffe, arttypisches Verhalten sowie Emotion und Bewegung. Dein Hund braucht also nicht nur das Richtige im Napf, sondern auch die Gelegenheit, sein Futter zu suchen und zu finden. Ein Napf ist praktisch, aber selten ein Abenteuer.

Nährstoffe: bedarfsgerecht. Auf dem Spaziergang spielen vor allem Leckerchen eine Rolle. Der Weltverband der Kleintierveterinäre (WSAVA) empfiehlt, dass Leckerchen weniger als 10 % der täglichen Kalorien ausmachen. Dabei zählt alles mit, was zusätzlich zur Mahlzeit gefressen wird, zum Beispiel Trainingsbelohnungen und Kauartikel. Wer unterwegs viel belohnt oder suchen lässt, rechnet am besten einen Teil der Tagesration dafür ein.

Arttypisches Verhalten: suchen, nicht nur serviert bekommen. Zum Fressen gehört bei vielen Tieren nicht nur das Fressen selbst, sondern auch das Suchen. Fachleute sprechen von appetitivem Verhalten. Ein Forschungsteam der Universität Utrecht um Lidewij Schipper gab 8 Laborhunden zweimal täglich ein mit Futter gefülltes Kong-Spielzeug, 9 weitere Hunde dienten als Vergleichsgruppe. Solange das Spielzeug da war, beschäftigten sich die Hunde im Mittel mit 31,8 % der beobachteten Zeit damit. Sie waren aktiver: Die Hunde mit Spielzeug waren nur 12,9 % der Zeit inaktiv, die Vergleichsgruppe 35,4 %. Nachdem das Spielzeug wieder weg war, verschwand der Unterschied.

Emotion und Bewegung: Dass Suchen auch die Stimmung verändern kann, hast du bei der Nasenarbeit-Studie gesehen. In der Utrechter Studie kam die Bewegung dazu: Die Hunde mit Spielzeug liefen 17,5 % der Zeit herum, die Vergleichsgruppe 10,4 %.

Hunde dürfen, aber sie müssen nicht. Ob Hunde ihr Futter lieber erarbeiten, als es frei zu bekommen, hat ein Team um Liza Rothkoff untersucht: 38 Haushunde bekamen gleichzeitig eine Schnüffelmatte und ein Tablett mit demselben Futter. Die Hunde waren bereit, sich ihr Futter zu erarbeiten, bevorzugten das aber nicht grundsätzlich gegenüber dem freien Futter. Genau deshalb liegt bei der therapeutischen Futtersuche (TFS) immer auch freies Futter zwischen den Behältern: Dein Hund darf suchen, muss aber nicht.

Die TFS im Überblick: Bei der therapeutischen Futtersuche kann dein Hund selbstwirksam und selbstbestimmt handeln, und sein Handeln hat niemals negative Konsequenzen. Verlässt er die Suche, verliert er nichts: Futter gibt es immer noch, zum Beispiel am Exit Target (dazu folgt ein eigener Beitrag). Die TFS ist deshalb kein reines Ernährungs-Werkzeug: Sie ist in jeder der fünf Säulen vertreten.

TFS in dieser Säule: Dein Hund sucht und findet sein Futter, in seinem Tempo und in der Reihenfolge, die er wählt. Futter liegt immer auch frei zwischen den Behältern, dazu eine einzige Futtersorte pro TFS.

Frage dich nach dem Spaziergang:

Konnte mein Hund heute sein Futter suchen, statt es nur zu konsumieren?

Passen Menge und Leckerchen zu dem, was er braucht?

Für Nerds: Was die Studien zeigen – und was nicht

Die Utrechter Studie war eine kleine Pilotstudie mit 17 Laborhunden in Zwingern, nicht mit Familienhunden im Alltag. Die Studie nennt außerdem, dass die Temperatur zwischen den Messzeiten stieg und die Vergleichsgruppe dadurch möglicherweise weniger aktiv war. Die Rothkoff-Studie untersuchte nur eine einzige Aufgabe (Schnüffelmatte gegen Tablett).

Säule 2: Umwelt

Worum geht es? Zur Umwelt gehören sichere Plätze, Möglichkeiten zur Umwelterkundung und sensorische Stimulation. Dein Hund braucht also Orte, an denen er sich sicher fühlt. Er braucht die Chance, seine Umgebung zu erkunden, und Reize, die interessant sind, ohne ihn zu überfordern.

Sichere Plätze. Ein sicherer Ort ist ein Ort, an dem dein Hund entspannen kann: vertraute Wege, genug Abstand zu Dingen, die ihn belasten, und eine Stelle zum Verweilen. Wie du Gefahren wie Hitze oder Giftköder im Blick behältst, bekommt in Teil 2 einen eigenen Jahreszeiten-Check. Weiterhin gehören zu den sicheren Orten auch Liege- und Rückzugsplätze im Haus. Hier kann sich der Hund, wenn er möchte, selbstständig zurückziehen. Diese Orte sind „seine“, das heißt: Niemand folgt ihm oder fordert ihn auf, diesen Platz „zu verlassen“. Es sind Sicherheitszonen für deinen Hund.

Möglichkeiten zur Umwelterkundung. Erkunden heißt für Hunde vor allem: schnüffeln. Eine finnische Studie mit 29 Hunden hat bei verschiedenen Verhaltensweisen die Herzschlagvariabilität gemessen. Sie zeigt, wie stark Anspannung und Entspannung im Herzschlag zu sehen sind, ein niedriger Wert deutet auf mehr Erregung hin. Beim spontanen Schnüffeln lag der Wert höher als bei der Futtersuche, obwohl die Hunde sich dabei etwa gleich viel bewegten. Die Forschenden deuten das als höhere emotionale Erregung bei der Futtersuche. Erkunden und Suchen sind also zwei unterschiedliche Erlebnisse: das spontane Schnüffeln am Wegesrand ist ruhiger, die gezielte Futtersuche aufregender.

Sensorische Stimulation. Nicht jeder Reiz wirkt gleich. In einer Studie mit 55 Tierheimhunden wurden verschiedene Düfte verströmt: Rosmarin und Pfefferminze führten zu deutlich mehr Stehen, Herumlaufen und Lautäußerungen als andere Düfte. Für den Spaziergang heißt das: Die Reize unterwegs sollen interessant sein, aber nicht zu viel. Vor allem braucht dein Hund Zeit, diese Reize zu verarbeiten (siehe „Ruhe, Wahrnehmung und Verarbeitung“ oben). Mehr zum Ankommen nach dem Spaziergang folgt in Teil 3.

TFS in dieser Säule: Die Suchlandschaft ist sicher und vertraut: ruhige Umgebung, rutschfester Untergrund, nichts, was für deinen Hund unangenehm ist. Zu Beginn kommen vertraute Materialien zum Einsatz, Neues liegt am äußeren Rand, damit dein Hund selbst entscheidet, ob er sich damit befasst. Kartons, Handtücher, Schnüffelteppiche oder Naturmaterialien wie Laub, Gras und Rinde sorgen für sensorische Anregung.

Frage dich nach dem Spaziergang:

Hatte mein Hund heute die Möglichkeit, einen Ort zu besuchen, an dem er in seinem Tempo seine Umgebung erkunden konnte?

Hat mein Hund zu Hause mindestens einen Ort, an dem er sich entspannt zurückziehen kann?

Waren die Reize für ihn interessant, aber nicht zu viel?

Für Nerds: Erregung ist nicht gleich Stress

Auch eine Studie aus Australien mit 21 Familienhunden misst den Herzschlag bei einer Suchaufgabe mit Gerüchen (Scent Work). Der Herzschlag war bei der Suche am höchsten, die Hunde zeigten dabei aber keine stressbezogenen Verhaltensweisen und trugen den Schwanz öfter hoch. Die Forschenden sprechen von erhöhter Erregung, nicht von Stress, und wollen weiter untersuchen, wie Hunde solche Aufgaben erleben. Beide Studien sind klein (29 und 21 Hunde), und mit Herzschlagmessungen lassen sich Gefühle nur indirekt erfassen.

Säule 3: Gesundheit

Worum geht es? Zur Gesundheit gehören schnelle Diagnosen, ausreichende medizinische Versorgung (auch mit Medikamenten) und Bewältigungsstrategien für die medizinische Versorgung. Die Gesundheit bestimmt, wie ein Spaziergang für deinen Hund überhaupt aussehen kann: Schmerzen, Erkrankungen, Untergrund, Tempo und Dauer wirken immer mit.

Schnelle Diagnosen: Schmerz erkennen. Schmerz zeigt sich bei Hunden nicht immer durch Jaulen oder Humpeln, manchmal erst im Verhalten. Ein internationales Team um Daniel Mills (University of Lincoln) hat 100 aktuelle Fälle von Hunden ausgewertet, die wegen Verhaltensproblemen vorgestellt wurden: Bei etwa einem Drittel lag eine schmerzhafte Erkrankung vor, in manchen Fallsammlungen bei fast 80 %. Am häufigsten waren Probleme am Bewegungsapparat, aber auch Magen-Darm und Haut. Die Autoren warnen davor, einen ungewöhnlichen Gang oder unerklärliche Verhaltensänderungen abzutun, auch wenn sie in einer Rasse häufig sind.

Ausreichende medizinische Versorgung. Wenn eine Diagnose steht, folgt die entsprechende Behandlung. Und bei Schmerzen gilt: Das Wichtigste zuerst, dem Hund die Schmerzen nehmen. Mills und Kollegen empfehlen, bei Verdacht auf Schmerz zu prüfen, ob dein Hund auf eine Probebehandlung mit Schmerzmitteln anspricht, auch wenn noch keine Ursache gefunden ist. Das entscheiden die Tierärztin oder der Tierarzt.

Bewältigungsstrategien: Medical Training. Viele Hunde finden Untersuchungen beim Tierarzt unangenehm. Beim Medical Training (auch kooperative Pflege oder „Cooperative Care“ genannt) lernen Hunde, bei Untersuchung und Pflege zu kooperieren. Es geht nicht darum, dass dein Hund Untersuchungen gut findet, sondern darum, dass er mitarbeitet. Ein Team der Universität Guelph (Kanada) um Anastasia Stellato hat geprüft, was ein einfaches Übungsprogramm bringt. Teilnehmen durften Hunde mit leichter bis mittlerer Angst vor dem Tierarzt (Wert 2 oder 3 auf einer Skala von 0 = keine Angst bis 4 = extreme Angst). Hunde mit starker Angst waren ausgeschlossen, weil sie ein individuell zugeschnittenes, engmaschig begleitetes Training gebraucht hätten. 15 Hunde trainierten vier Wochen lang, 22 dienten als Vergleichsgruppe. Das Training bestand aus zwei Teilen:

  • Zu Hause: zweimal pro Woche 5 bis 10 Minuten untersuchungsähnliches Anfassen, immer mit Lieblings-Leckerchen. Es begann mit dem, was der Hund am besten vertrug (zum Beispiel eine Hand neben der Pfote), und steigerte sich langsam (Pfote halten, Lefze anheben, Ohr ansehen), und zwar nur, solange der Hund ruhig blieb.
  • In der Tierklinik: einmal pro Woche ein kurzer Besuch (anmelden, auf die Waage, mindestens drei Minuten im Untersuchungsraum), ebenfalls mit Leckerchen.

Vor und nach den vier Wochen wurden alle Hunde bei einer standardisierten Untersuchung beobachtet. Bei der zweiten Untersuchung schätzten die Forschenden die Angst der trainierten Hunde im Mittel mit 2 ein, die der Vergleichshunde mit 3. Die trainierten Hunde zeigten außerdem seltener eine gesenkte Körperhaltung. Herzschlag, Körpertemperatur und Atemfrequenz veränderten sich nicht. Von den 15 Bezugspersonen, die das Programm durchhielten, berichteten 86,7 % (13 von 15) eine Verbesserung.

Die Forschenden bewerten das Programm als gering wirksam, nennen aber selbst wichtige Einschränkungen: 12 von 27 Bezugspersonen, die die Studie abschlossen, führten das Training nicht wie vorgesehen durch und wurden von der Auswertung ausgeschlossen, und niemand konnte prüfen, wie gut die übrigen tatsächlich trainiert haben. Sie schlagen vor, künftig zu untersuchen, ob die Anleitung durch einen Trainer die Durchführung verbessert. Eine Pilotstudie aus Wien (47 Hunde, Training in Gruppenstunden mit Übungen zu Hause) zeigte außerdem: Bei einer Untersuchung durch ein Team, das nicht wusste, welcher Hund trainiert hatte, übertrugen sich die gelernten Fähigkeiten insgesamt nur schwach. Die Wirkung hing davon ab, wie gut die Hunde das Anfassen vorher vertrugen und wie weit sie im Training gekommen waren.

Das heißt für mich: Gutes Medical Training lohnt sich für jeden Hund. Es kommt aber auf die Qualität an, und diese Zeit sollte sich jede Bezugsperson nehmen. Sinnvoll ist es, sich das Medical Training von einem guten Trainer zeigen zu lassen, denn allein ist das nicht immer leicht.

TFS in dieser Säule: Die TFS kann auch in kniffligen Momenten dabei sein, sofern sie vorher gut etabliert ist. Beim Tierarzt muss dein Hund vieles über sich ergehen lassen. Bei der TFS ist es umgekehrt: Er bestimmt selbst, wo und wie lange er sucht, und erlebt Selbstwirksamkeit. Das ist der Gegenpol zu dem, was er in der Praxis erlebt.

Frage dich nach dem Spaziergang:

Ist mir an meinem Hund etwas aufgefallen (Gang, Tempo, Schnüffelfreude, Verhaltensveränderungen allgemein), das ich tierärztlich abklären lassen sollte?

Passten Untergrund, Tempo und Dauer heute zu meinem Hund?

Was kann ich mit meinem Hund per Medical Training für den nächsten Tierarztbesuch üben?

Für Nerds: Was die Studien zeigen – und was nicht

Die Auswertung von Mills und Kollegen beruht auf überwiesenen Fällen aus den Praxen mehrerer Autoren. Sie sagt nichts darüber, wie viele Hunde im Alltag Schmerzen haben. Die Guelph-Studie war klein (ausgewertet wurden 15 trainierte und 22 Vergleichshunde), und das Programm war bewusst einfach gehalten, ohne individuelle Anpassung. Die Wiener Studie war eine Pilotstudie. Die beiden Trainingsstudien deuten darauf hin, dass der Erfolg von der Durchführung des Trainings abhängt. Sie zeigen nicht, dass Training grundsätzlich wenig bringt.

Säule 4: Entscheidungsfreiheit und Kontrolle

Worum geht es? Zu dieser Säule gehören Strategien zur Bewältigung und Vermeidung negativer emotionaler Zustände. Dein Hund braucht also die Möglichkeit, belastende Situationen selbstwirksam und zu seinen Gunsten zu beeinflussen: Abstand holen, ausweichen, stehen bleiben, umkehren.

Wahl und Kontrolle: zwei verschiedene Dinge. Wahl heißt: Dein Hund darf zwischen Möglichkeiten auswählen, etwa an der Wegkreuzung links oder rechts, oder aus zwei Kauartikeln einen aussuchen. Kontrolle heißt: Er kann Einfluss auf ein Ereignis nehmen. Wird er langsamer, bleibt stehen und schaut weg, und du bleibst ebenfalls stehen, hat sein Signal etwas bewirkt. Beides zusammen mit Herausforderung, also Aufgaben, die er selbst lösen kann (zum Beispiel einer Schnüffelspur), nennt die Forschung Agency, auf Deutsch etwa Handlungsfähigkeit. Dein Hund erlebt: Mein Verhalten hat Folgen, ich kann selbst etwas bewirken. Aus dieser Erfahrung entsteht Selbstwirksamkeit.

Wie sich das anfühlt, wenig selbst entscheiden zu können, haben viele Menschen in der Corona-Zeit am eigenen Leib erfahren: Wann ich wen treffe, wohin ich gehe und wie lange ich draußen sein darf, war vorgegeben. Für Hunde ist das Alltag.

Was die Forschung sagt. Das Bedürfnis nach Kontrolle gilt nach einer Übersichtsarbeit von Leotti, Iyengar und Ochsner als biologisch verankert. Sie stützen sich auf Befunde aus Tierforschung, klinischen Studien und Bildgebung des Gehirns. Wie sich Wahlmöglichkeiten auf das Wohlbefinden von Tieren auswirken, hat ein australisches Team um Kelli Rust ausgewertet: In 13 Studien wurde verglichen, ob Tiere wählen durften oder nicht, zum Beispiel beim Zugang zum Gehege, beim Futter oder bei Beschäftigungsangeboten. In der Mehrheit der Studien verbesserten sich dadurch Verhalten und körperliche Stressanzeichen. Ein paar Studien zeigten unklare oder neutrale Ergebnisse, und die Autoren fordern, dass Wahlmöglichkeiten künftig experimentell stärker untersucht werden.

Auf dem Spaziergang. Entscheidungsfreiheit bedeutet nicht, dass dein Hund alles darf. Es geht um sinnvolle Wahlmöglichkeiten im sicheren Rahmen: Dein Hund darf mitentscheiden, ob er sich annähert oder Abstand nimmt, stehen bleibt oder weitergeht. Wenn er sich zurückzieht oder ausweicht, ist das keine Schwäche, sondern oft eine sinnvolle Strategie (mehr dazu in Teil 3).

TFS in dieser Säule: Dein Hund entscheidet selbst, wo er anfängt, wie lange er sucht und wann er aufhört.

Frage dich nach dem Spaziergang:

Durfte mein Hund heute mitentscheiden (Weg, Tempo, stehen bleiben, schnüffeln)?

Konnte er Abstand holen oder ausweichen, wenn ihm etwas zu viel wurde?

Für Nerds: Was die Studien zeigen – und was nicht

Die Studien von Rust und Kollegen betreffen Tiere in menschlicher Obhut. Studien speziell zu Wahlmöglichkeiten bei Haushunden auf Spaziergängen habe ich nicht gefunden. Dass mehr Wahl auch Hunden im Alltag guttut, ist plausibel, aber nicht direkt belegt. Außerdem sind „Wahl“ und „Kontrolle“ in der Forschung nicht einheitlich definiert, wie Englund und Cronin in ihrer Arbeit zeigen.

Säule 5: Emotionale Zustände (das Dach)

Worum geht es? Hier geht es darum, dass dein Hund deutlich mehr positive als negative emotionale Zustände erlebt. Als positive Zustände gelten im Five Domains Model zum Beispiel Behaglichkeit, Ruhe, Sicherheit, Zuversicht und Interesse, als negative unter anderem Hunger, Schmerz, Erschöpfung, Frustration, Langeweile, Angst und Einsamkeit. Das Ziel ist eine Bilanz, bei der die positiven Erfahrungen deutlich überwiegen: ein Leben, das es wert ist, gelebt zu werden.

Gefühle lesen, ohne zu fragen. Gefühle kann man nicht abfragen, man erschließt sie aus dem Verhalten und der Körpersprache. Ein paar Wege kennst du schon aus diesem Beitrag: den Optimismus-Test, den Schlaf nach Erlebnissen und die Herzschlagvariabilität. Wie du die Gefühle deines Hundes unterwegs liest, steht in Teil 3 (Körpersprache).

Auch der Umgang prägt die Stimmung. Ein Team der Universität Porto um Ana Catarina Vieira de Castro hat 92 Hunde aus Hundeschulen verglichen: 42 aus Schulen mit belohnungsbasiertem Training, 22 aus Schulen mit wenigen und 28 aus Schulen mit vielen aversiven Methoden (zum Beispiel Strafen). Die Hunde aus den Schulen mit vielen aversiven Methoden zeigten beim Training mehr Stress-Verhalten, hatten nach dem Training einen stärkeren Anstieg des Stresshormons Cortisol und fielen im Optimismus-Test von oben als „pessimistischer“ auf als die Hunde aus belohnungsbasierten Schulen. Ein britisches Team um Rachel Casey fand Ähnliches: Hunde, deren Bezugspersonen zwei oder mehr aversive Methoden nutzten, gingen im selben Test bei allen uneindeutigen Napfpositionen langsamer, statistisch bedeutsam bei der mittleren und der Position nahe dem positiven Napf.

TFS in dieser Säule: Bei der TFS gibt es kein „Falsch“. So, wie dein Hund sich entscheidet, ist es immer richtig: ob er in der Suche bleibt, welche Strategie er wählt, ob er alle Stationen anläuft oder auslässt, ob er aussteigt oder Signale zeigt, mit denen er um Unterstützung bittet. Dein Hund darf einfach er selbst sein.

Frage dich nach dem Spaziergang:

Wirkte mein Hund nach dem Spaziergang eher zufrieden und entspannt als aufgedreht oder angespannt?

Überwogen heute die schönen Momente?

Für Nerds: Was die Studien zeigen – und was nicht

In beiden Studien wurden die Hunde nicht zufällig den Trainingsmethoden zugeteilt, sondern nach ihrer tatsächlichen Hundeschule bzw. den Angaben der Bezugspersonen eingeordnet. Das zeigt einen Zusammenhang, beweist aber nicht allein, dass die Methode die Ursache war. Die Stimmung wurde in beiden Studien indirekt gemessen.

Die TFS: ein Werkzeug für alle fünf Säulen

Du hast die therapeutische Futtersuche in jeder Säule wiedergefunden. Wie sie aufgebaut wird, steht in meinem Beitrag zur therapeutischen Futtersuche.

Für Nerds: Warum ein Tempel und keine Pyramide?

Vielleicht kennst du die Bedürfnispyramide: unten die Grundbedürfnisse, oben die Selbstverwirklichung, und erst wenn eine Stufe „voll“ ist, geht es eine Etage höher. Das Bild wird Abraham Maslow zugeschrieben, hat aber eine kuriose Geschichte. Bridgman, Cummings und Ballard (2019) durchsuchten Maslows Veröffentlichungen und seine Tagebücher und fanden darin keine Spur einer Pyramide. Die bekannte Form erschien 1960 in einem Artikel des Beraters Charles McDermid. Maslow selbst schrieb 1943, dass Menschen viele Bedürfnisse gleichzeitig teils erfüllt und teils unerfüllt haben und die Reihenfolge nicht starr ist.

Für das Wohlergehen von Hunden wäre eine Pyramide deshalb das falsche Bild. Im Five Domains Model sind die Domänen 1 bis 4 keine Stufen, die du nacheinander abhakst. Sie wirken nebeneinander und gemeinsam darauf ein, wie sich dein Hund fühlt. Genau das zeigt der Tempel: vier tragende Säulen und ein Dach, das auf allen vieren ruht.

Dein Werkzeug zum Mitnehmen: der 5-Säulen-Check

Ein Modell hilft erst, wenn du es im Alltag benutzt. Deshalb gibt es zu diesem Beitrag den 5-Säulen-Check, ein PDF zum Ausdrucken (2 Seiten, DIN A4). Auf Seite 1 bewertest du nach dem Spaziergang mit einer Ampel („passt“, „geht besser“, „kam zu kurz“), wie die fünf Säulen heute abgedeckt waren. Auf Seite 2 findest du die Fragen aus diesem Beitrag zum Ankreuzen. Dazu gibt es Platz für deinen kleinen nächsten Schritt und für das, was heute besonders schön war.

Ein Hinweis zur Ampel: Die Ampel ist kein Urteil, sondern ein Anlass zum Nachdenken. Ein Kreuz bei „kam zu kurz“ zeigt dir nur, wo morgen etwas mehr Raum sein darf.

5-Säulen-Check herunterladen (PDF)

Zurück zum Grashalm

Neulich stand Netty wieder an einem. Wieder Nase dran, wieder Nasenflügel in Aktion. Diesmal habe ich nicht auf die Uhr geschaut, sondern zugesehen: Sie hat sich ihren Halm selbst ausgesucht, ihr Körper war weich und entspannt. Dann hob sie den Kopf, sah mich kurz an und ging weiter, genau in dem Moment, in dem sie mit ihrer Erkundung fertig war.

Meine To-do-Liste war danach noch genauso lang. Aber ich habe jetzt eine Ahnung, was Netty da liest: Ihre Zeitung hat mehr als einen Wirtschaftsteil. Und wenn du das nächste Mal an einem Grashalm stehen bleibst, weißt du, dass dein Hund gerade eine ganze Menge für sein Wohlbefinden tut.

Wie geht es weiter?

Die fünf Säulen sind bei jedem Hund dieselben, nur die Bedürfnisse unterscheiden sich: Ein Welpe braucht etwas anderes als eine Seniorin wie Netty. Im zweiten Teil geht es deshalb um die Lebensphasen und die Praxis: Welpen, Junghunde, erwachsene Hunde, Senioren und Hunde mit besonderen Voraussetzungen. Dazu gibt es einen Jahreszeiten-Check für deinen Spaziergang. Im dritten Teil geht es um Körpersprache und Management: Begegnungen, Abstand, Schleppleine, Ankommen nach dem Spaziergang und den Rucksack.

Serie „Spaziergänge neu gedacht“

  • Teil 1: Grundlagen (Einstieg)
  • Teil 2: Lebensphasen und Praxis
  • Teil 3: Körpersprache und Management

Quellen

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  2. Westgarth C, Christley RM, Pinchbeck GL, Gaskell RM, Dawson S, Bradshaw JWS. Dog behaviour on walks and the effect of use of the leash. Applied Animal Behaviour Science. 2010;125(1–2):38–46. doi:10.1016/j.applanim.2010.03.007 (Abstract geprüft: 286 Beobachtungen, Gundogs schnüffelten mehr. Nicht geprüft werden konnten die Zahlen zum Schnüffelanteil, zum Vergleich mit und ohne Leine sowie die Angaben zu Beobachtungsorten und -dauer, weil der Volltext nicht zugänglich war)
  3. Bräuer J, Blasi D. Dogs display owner-specific expectations based on olfaction. Scientific Reports. 2021;11:3291. doi:10.1038/s41598-021-82952-4 (Abstract geprüft, Volltext nicht)
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  9. Kis A, Gergely A, Galambos Á, Abdai J, Gombos F, Bódizs R, Topál J. Sleep macrostructure is modulated by positive and negative social experience in adult pet dogs. Proceedings of the Royal Society B. 2017;284(1865):20171883. doi:10.1098/rspb.2017.1883
  10. Mellor DJ, Reid CSW. Concepts of animal well-being and predicting the impact of procedures on experimental animals. In: Baker RM, Jenkin G, Mellor DJ, eds. Improving the Well-being of Animals in the Research Environment. Glen Osmond (Australien): Australian and New Zealand Council for the Care of Animals in Research and Teaching; 1994:3–18. (Literaturangabe nach dem Literaturverzeichnis von Nr. 11; Original nicht geprüft; zitiert auch nach RSPCA Australia: https://kb.rspca.org.au/knowledge-base/what-are-the-five-domains-of-animal-welfare/)
  11. Mellor DJ, Beausoleil NJ, Littlewood KE, McLean AN, McGreevy PD, Jones B, Wilkins C. The 2020 Five Domains Model: Including Human–Animal Interactions in Assessments of Animal Welfare. Animals. 2020;10(10):1870. doi:10.3390/ani10101870
  12. Mellor DJ. Moving beyond the „Five Freedoms“ by updating the „Five Provisions“ and introducing aligned „Animal Welfare Aims“. Animals. 2016;6(10):59. doi:10.3390/ani6100059 (Literaturangaben geprüft, Inhalt nicht)
  13. Mellor DJ, Beausoleil NJ. Extending the „Five Domains“ model for animal welfare assessment to incorporate positive welfare states. Animal Welfare. 2015;24(3):241–253. doi:10.7120/09627286.24.3.241 (Literaturangaben geprüft; Inhalt nur über Nr. 35 und die Wiedergabe der Tabellen bei RSPCA Australia, siehe Nr. 10, nicht im Original geprüft)
  14. Newberry RC. Environmental enrichment: Increasing the biological relevance of captive environments. Applied Animal Behaviour Science. 1995;44(2–4):229–243. doi:10.1016/0168-1591(95)00616-Z (Definition von Enrichment und Aussage zu Spielzeug und Musik nach der Zusammenfassung des Purdue Canine Welfare Science Center geprüft, https://caninewelfare.centers.purdue.edu/resource/environmental-enrichment-increasing-the-biological-relevance-of-captive-environments/; Volltext nicht)
  15. CumCane familiari: Training über positive Verstärkung, Abschnitt „Die fünf Säulen“. https://www.cumcane-familiari.ch/%C3%BCber-uns/training-%C3%BCber-pos-verst%C3%A4rkung/ (abgerufen am 06.10.2026)
  16. FCI-Standard Nr. 148: Dachshund (Teckel), 14.03.2022. https://www.fci.be/Nomenclature/Standards/148g04-de.pdf (abgerufen am 06.10.2026)
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  21. Kiefer A. Therapeutische Futtersuche: Warum „einfach Futter verstecken“ nicht reicht. https://hundeimpressionen.de/therapeutische-futtersuche/ (30.09.2026)
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