Therapeutische Futtersuche: Warum „einfach Futter verstecken“ nicht reicht
Hund schnüffelt an einer therapeutischen Futtersuche mit mehreren Pappkartons und offen verteilten Futterstücken auf dem Teppich

Netty, meine 13-jährige Deutsch-Kurzhaar-Hündin aus dem Tierschutz, steht vor drei Pappkartons im Wohnzimmer. Sie schnuppert kurz in die Luft – und lächelt förmlich mit der Nase. Da liegt Futter. Nicht nur in den Kartons, sondern überall dazwischen, offen auf dem Teppich verteilt.

Netty darf frei wählen und selbstständig entscheiden: Sie kann direkt zum ersten Karton laufen. Sie könnte aber genauso gut einfach am Boden schnüffeln und dort ihr Glück in Form von frei zugänglichen und ganz leicht zu konsumierenden Keksen finden.

Sie schlendert los, schnuppert hier, knabbert dort ein Krümelchen vom Boden, steckt schließlich neugierig die Nase in den ersten Karton – und grast danach weiter ganz in Ruhe das Setting der TFS ab, in ihrem Tempo und in der Reihenfolge, die sie selbst wählt. Ihre Bezugsperson hält sich dabei völlig im Hintergrund.

Netty erlebt in diesem Moment etwas Wunderbares: Ich darf einfach ich sein. Und egal, wie ich mich entscheide – es ist immer richtig.

Willkommen bei der therapeutischen Futtersuche – kurz TFS.

Was ist die TFS wirklich?

Viele denken bei „Futtersuche“ zunächst an Verstecken: ein paar Kekse hier, ein paar dort, fertig ist die „Beschäftigung“. Und ja – Futter verstecken kann Spaß machen. Aber die therapeutische Futtersuche ist deutlich mehr als das.

Bei der TFS geht es nicht darum, Futter irgendwie zu verstecken oder – wie beim Contrafreeloading (CFL) – bewusst schwer zugänglich zu präsentieren. Beim Contrafreeloading gilt: Manche Tiere „erarbeiten“ sich ihr Futter lieber selbst, statt es einfach aus dem Napf aufzunehmen. Der volle Napf ist in diesem Moment uninteressant. Klingt kurios, ist aber artgerechtes Verhalten.

Die TFS tickt anders: Hier steht extra nicht das Erarbeiten im Fokus, sondern die freie, selbstbestimmte Erkundung.

In der TFS trifft der Hund seine Entscheidungen komplett selbstständig: Wenn er keinen Behälter anlaufen möchte, so findet er immer freizugänglich und leicht aufzunehmen Futter zwischen den Behältern. Wenn der Hund einen Behälter nicht anlaufen mag, verliert er dadurch kein Futter!

Die TFS wird zwar mit Behältern aufgebaut – aber nicht jede Behältersuche ist automatisch schon eine therapeutische Futtersuche.

Was sie wirklich ausmacht, ist die Idee dahinter: Der Hund darf sich ohne Vorgaben der Bezugsperson frei in der Suchlandschaft bewegen, in seinem eigenen Tempo suchen und jederzeit aussteigen. Und auch dann verliert er nichts, denn es gibt immer noch Futter am sogenannten Exit Target.

Ein Hund kann nur dann eine echte Entscheidung treffen, wenn er sicher weiß: Durch meine Entscheidung entsteht mir niemals ein Nachteil. Bei der TFS wird der Motivationskonflikt des Hundes – bleibe ich in der Suche und finde vielleicht noch mehr Futter, oder steige ich aus und bekomme dadurch weniger? – komplett aufgelöst. Auch wenn der Hund aus der Suche aussteigt, erhält er von seiner Bezugsperson außerhalb des Settings (Stichwort Exit Target) noch einmal Futter – ganz einfach und ohne, dass er dafür etwas tun muss. Das ist ein ganz essenzieller Teil der TFS. Darauf kommen wir noch zu sprechen.

Genauso frei ist übrigens auch die Reihenfolge, in der gesucht wird: Es gibt kein „falsch suchen“. Der Hund entscheidet selbst, in welcher Reihenfolge er die Stationen aufsucht, welche Behälter ihn ansprechen – und welche er einfach links liegen lässt. Genau wie Netty das eben schon vorgemacht hat.

Warum sie so wertvoll ist

Genau diese Wahlmöglichkeiten sind es, die eine TFS so wertvoll machen.

Diese Erfahrung – frei entscheiden zu dürfen, ohne dass daraus je ein Nachteil entsteht – beeinflusst das Wohlbefinden nachhaltig positiv und wirkt sich auch günstig auf die Resilienz aus: also auf die Fähigkeit, mit Herausforderungen und Stress gut umgehen zu können.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Selbstwirksamkeit. Der Hund darf seinen eigenen Weg finden, in seinem Tempo und auf seine ganz individuelle Art.

Kurz gesagt: Die TFS ist weit mehr als nur „beschäftigt sein“. Sie schenkt dem Hund etwas, das im Alltag oft zu kurz kommt – echte, selbstbestimmte Wahlfreiheit.

Die Suchlandschaft aufbauen

Für den Anfang reichen meist zwei bis drei Behälter – idealerweise ganz normale Pappkartons.

Wichtig dabei: Die Behälter müssen so gewählt werden, dass der Hund seinen Kopf problemlos hineinstecken und auch wieder herausnehmen kann. Die Öffnung muss großzügig genug sein, damit das für den Hund angenehm und sicher möglich ist. Keinesfalls sollte er mit den Ohren irgendwo hängen bleiben.

Manche Hunde möchten anfangs noch gar nicht ihren Kopf in einen Behälter stecken – und auch das ist völlig in Ordnung. In diesem Fall werden die Kartons einfach mit der geschlossenen Bodenseite nach oben aufgestellt. Alternativ eignet sich auch ein zusammengelegtes Handtuch, auf das Futter gestreut wird, wunderbar als Einstiegsstation.

Und wie schon besprochen: Futter liegt grundsätzlich nie nur in den Behältern, sondern immer auch auf dem Boden dazwischen.

Als Einstieg kann man sich grob an folgender Verteilung orientieren: etwa 60 % des Futters liegt auf dem Boden zwischen den Behältern, etwa 40 % direkt in den Behältern oder anderen Stationen wie dem Handtuch. Später lässt sich diese Verteilung individuell an den jeweiligen Hund und seine Tagesform anpassen.

Materialien & Futterwahl

Welche Materialien eignen sich für die Suchlandschaft? Zum Beispiel:

    • Kartons, Schachteln oder andere gut zugängliche Behälter
    • Schnüffelteppiche
    • Handtücher
    • rutschfeste Unterlagen
    • Naturmaterialien wie Laub, Gras oder Rinde

Wichtig dabei: Alles, was in der TFS eingesetzt wird, darf für den Hund nicht aversiv sein. Zu Beginn sind vertraute Gegenstände optimal.

Neue oder ungewohnte Materialien können zwar spannend sein, manche Hunde verunsichern sie aber eher. Wer nicht sicher ist, wie der eigene Hund auf einen neuen Gegenstand oder Geruch reagiert, platziert ihn am besten am äußeren Rand der Suchlandschaft. So kann der Hund selbst entscheiden, ob er sich damit befassen möchte oder nicht.

Und wie sieht es beim Futter aus? Hier gilt eine einfache, aber wichtige Faustregel: Eine TFS = eine Futtersorte.

Wer sich für Trockenfutter entscheidet, verwendet innerhalb dieser einen TFS ausschließlich diese eine Sorte. Stehen mehrere Sorten zur Verfügung, kann in einer anderen TFS gerne gewechselt werden – innerhalb einer einzelnen Suche bleibt es aber immer bei einer Sorte. Das Gleiche gilt für Nassfutter: Auch hier kommt innerhalb einer TFS nur eine Sorte zum Einsatz.

Der Ablauf

Braucht es ein Startsignal?

Ein festes Startsignal gibt vielen Hunden Orientierung. Bei Netty sieht das so aus: Ein Keks aus der Hand, dazu ein kleiner Stein vor dem Suchfeld als eindeutiges Sichtzeichen. Dieses Zeichen wird ausschließlich für die TFS verwendet – so weiß Netty sofort: Jetzt geht’s los.

Und natürlich gilt auch hier: Netty darf selbst entscheiden. Verschmäht sie den Keks und stürzt sich lieber direkt in die Suche – auch gut. Beides ist richtig.

Was macht die Bezugsperson währenddessen?

Während Netty schnuffelt, schlendert und sich durch die Landschaft arbeitet, hält sich ihre Bezugsperson bewusst zurück. Kein Zeigen, kein Locken, kein „Nein, nicht da, hier ist noch was!“ – Netty bekommt keine Regieanweisungen, sondern einfach Raum.

Das heißt aber nicht Wegschauen. Ganz im Gegenteil: Sobald Netty Blickkontakt sucht oder auf andere Weise ihre Bezugsperson einbezieht – Fachbegriff: Signal-Suchendes-Verhalten, kurz SSV – wird sofort reagiert. Ausnahmslos. Netty wird in diesem Moment niemals „im Regen stehen gelassen“. Ihre Bezugsperson ist immer da, wenn sie gebraucht wird – nur eben nicht, wenn sie nicht gebraucht wird.

Und wann ist Schluss?

Ganz einfach: dann, wenn Netty es sagt. Auch wenn noch Futter in der Landschaft liegt – sie muss nicht jedes Krümelchen aufspüren. Aussteigen dürfen ist genauso Ausdruck von Selbstwirksamkeit wie Weitersuchen dürfen.

Zum Abschluss gibt’s ein ruhiges Lob, vielleicht noch ein paar Kekse in einem Schnüffelteppich etwas abseits der Suchlandschaft – und ein persönliches „Ende-Signal“. Beim Abbauen dann: Keine Sorge, wenn nicht jedes vergessene Krümelchen wiedergefunden wird. Manche Hunde freuen sich später sogar über einen kleinen Überraschungs-„Finde-Keks“.

So sieht es bei Netty und mir aus: Sie kommt zu mir auf die Couch. Ich frage sie: „Bist du fertig?“ Wenn sie tatsächlich fertig ist, legt sie sich neben mich. Wenn nicht, geht sie noch mal in die Suche und kommt danach wieder zurück. Anschließend sitzen wir noch eine Weile gemeinsam auf der Couch, bis ich aufstehe und sage: „Ich räum dann mal auf.“ Ab da entscheidet Netty von sich aus, ob sie noch mit mir mitkommt und schaut, ob sie noch einen Keks findet – oder ob sie lieber auf der Couch liegen bleibt.

Woran erkennst du Überforderung?

Die TFS soll unterstützen, nicht überfordern. Doch woran erkennt man eigentlich, dass die Suche gerade zu schwer ist?

Die Anzeichen sind oft subtil, aber gut erkennbar, wenn man weiß, worauf man achten sollte:

    • der Hund zögert deutlich, bevor er sich der Suchlandschaft nähert
    • er wirkt „angespannt“ – hier lohnt sich ein genauer Blick auf die Körpersprache
    • er meidet die Behälter komplett
    • er wird hektisch statt konzentriert
    • er orientiert sich auffällig stark an seiner Bezugsperson, statt selbst zu suchen
    • er steigt sehr schnell wieder aus
    • er findet gar nicht erst in die Suche hinein

Zeigt Netty eines dieser Signale, heißt das nicht „durchziehen“, sondern: vereinfachen oder pausieren. Und zwar am besten sofort, nicht erst „noch kurz abwarten“.

Eine einfachere Suchlandschaft hilft in der Regel sehr schnell weiter: weniger Stationen, mehr offen liegendes Futter, vertrautere Materialien statt neuer Reize. Auch eine kürzere Suchdauer oder ein bekannterer Ort können den Unterschied machen.

Die Faustregel dahinter: Lieber kurz, leicht und erfolgreich als lang und zu schwierig. Eine TFS, die der Hund als angenehm und bewältigbar erlebt, wirkt langfristig deutlich mehr als eine, die ihn an seine Grenzen bringt.

Wo einsetzen: vom Wohnzimmer in den Alltag

Der Einstieg in die TFS sollte möglichst einfach sein. Am besten startet man zuhause – idealerweise auf einem rutschfesten Untergrund und in ruhiger Atmosphäre. Netty hat ihre allererste TFS im Wohnzimmer gemacht, und genau das ist auch die beste Empfehlung: eine vertraute Umgebung hilft dabei, sich überhaupt erst auf die Sache einzulassen.

Erst wenn die TFS zuhause so richtig sitzt und der Hund das Prinzip verinnerlicht hat, kann sie auch in anderen Umgebungen eingesetzt werden, zum Beispiel:

    • im Garten
    • vor, während (als kleine „Insel“ mittendrin) oder nach dem Spaziergang
    • vor oder nach kniffligen Alltagsmomenten – etwa vor dem Tierarztbesuch oder der Hundeschule, wenn möglich zum Beispiel auf dem Parkplatz

Eine Sache ist dabei besonders wichtig: Die TFS sollte richtig gut etabliert sein, bevor sie in für den Hund belastenden Situationen eingesetzt wird. Sonst hat der Hund gleich zwei Baustellen auf einmal – die neue Situation und eine Suche, die er noch gar nicht richtig kennt. Das wäre, als würde man am ersten Schultag gleich eine Matheklausur schreiben.

Und noch ein Tipp aus der Praxis: Kam die TFS mal in einer stressigen Situation zum Einsatz, sollte die nächste TFS unbedingt wieder gemütlich und entspannt stattfinden. So bleibt sie das, was sie sein soll – eine verlässliche, positive Erfahrung, auf die sich der Hund immer freuen darf.

Fazit

Netty steht heute nicht mehr zögerlich vor Pappkartons. Mittlerweile kennt sie das Spiel – und trotzdem ist jede TFS wieder neu. Mal steuert sie zielstrebig den ersten Karton an, mal bleibt sie lieber am Boden und knabbert sich gemütlich von Krümel zu Krümel. Beides ist richtig. Beides war schon immer richtig.

Und genau darin liegt die eigentliche Stärke der therapeutischen Futtersuche: Sie lebt nicht von Schwierigkeit oder cleveren Rätseln, sondern von einer fair aufgebauten, sicheren Suchlandschaft, die sich an die jeweilige Tagesform des Hundes anpasst. Der Hund muss dabei nichts leisten. Er darf erkunden, suchen, entscheiden – und jederzeit aussteigen, ohne dass ihm daraus je ein Nachteil entsteht.

Wer die TFS achtsam aufbaut und auf die Bedürfnisse des eigenen Hundes abstimmt, schenkt ihm mehr als nur eine „Beschäftigung“. Er schenkt ihm echtes Vertrauen, echte Wahlfreiheit – und damit ein Stück mehr Selbstwirksamkeit im Alltag.

Für Netty und mich ist die TFS längst mehr als eine Übung geworden. Sie ist ein kleines, tägliches Ritual, mit dem wir in den Tag starten – das uns beiden guttut. Was es mit dem Exit Target im Detail auf sich hat, erfährst du in einem eigenen Beitrag.
Wer noch tiefer in die Welt der Hundenase eintauchen möchte, findet in meinem Essay „Nasenarbeit & Zielgeruchsuche – Was hat der Hund davon?“ weiterführende, wissenschaftlich fundierte Informationen.

Quellen

  1. Jensen, G.D. (1963). Preference for bar pressing over „freeloading“ as a function of number of rewarded presses. Journal of Experimental Psychology, 65(5), 451–454.
  2. Rothkoff, L., Feng, L., & Byosiere, S.-E. (2024). Domestic pet dogs (Canis lupus familiaris) do not show a preference to contrafreeload, but are willing. Scientific Reports, 14. https://doi.org/10.1038/s41598-024-51663-x
  3. Leotti, L.A., Iyengar, S.S., & Ochsner, K.N. (2010). Born to choose: the origins and value of the need for control. Trends in Cognitive Sciences, 14(10), 457–463.
  4. Englund, M.D., & Cronin, K.A. (2023). Choice, control, and animal welfare: definitions and essential inquiries to advance animal welfare science. Frontiers in Veterinary Science, 10, 1250251. https://doi.org/10.3389/fvets.2023.1250251
  5. Malkani, R., Paramasivam, S., & Wolfensohn, S. (2024). A multidimensional evaluation of the factors in the Animal Welfare Assessment Grid (AWAG) that are associated with, and predictive of, behaviour disorders in dogs. Animals, 14(4), 528. https://doi.org/10.3390/ani14040528
  6. Littlewood, K.E., Heslop, M.V., & Cobb, M.L. (2023). The agency domain and behavioral interactions: assessing positive animal welfare using the Five Domains Model. Frontiers in Veterinary Science, 10, 1284869. https://doi.org/10.3389/fvets.2023.1284869