Netty läuft vor mir. Uns kommt ein Mann mit einem Hund entgegen. Ich strecke ihr Zeige- und Mittelfinger entgegen und sage „Touch“ – Sicht- und Wortzeichen kommen bei mir immer zusammen. Statt ihren Kopf zu mir zu drehen und mit der Nase meine Finger zu berühren, bleibt sie nur stehen. Sie kann in diesem Kontext den Handtouch nicht ausführen.
Die meisten von uns würden das jetzt „Fehler“ nennen. Aber was genau ist damit eigentlich gemeint – und was fangen wir als Bezugsperson damit an? Ein „Fehler“ im Training ist keine Bewertung unseres Hundes, sondern eine Information. Und genau die zeigt uns, was wir am Trainingsaufbau anpassen sollten.
Verhalten lässt sich nie isoliert betrachten, sondern immer nur als Teil einer Kette: Auslöser – Verhalten – Folge, in der angewandten Verhaltensanalyse als ABC bezeichnet (mehr dazu im Beitrag Funktionale Verstärker im Hundetraining). Nettys unvollständige Reaktion auf mein Handtouch-Signal ergab sich logisch aus einem Auslöser – dem entgegenkommenden Hund –, der in diesem Moment einfach ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Was wie ein „Fehler“ aussieht, ist also in Wirklichkeit nichts anderes als eine nachvollziehbare Reaktion auf die Umstände.
Das Setting als erster Hebel
Um zu verstehen, warum ein „Fehler“ passiert, lohnt sich der Blick auf den Auslöser, der dazu geführt hat, dass ein Signal nicht korrekt ausgeführt wurde. Schwierigkeit, Ablenkung (Motivation), Distanz, Dauer und die Erregung sind fünf zentrale Stellschrauben – quasi die Zutatenliste, die darüber entscheidet, ob eine Übung gelingt oder eben nicht. Ob ein Verhalten in der Praxis funktioniert, hängt vom Kontext (was passiert gerade, was ist kurz vorher passiert und was ist an diesem Tag überhaupt schon alles passiert) und vom Erregungslevel ab: Ist es zu hoch oder zu niedrig, kann ein Hund eine an sich bekannte Aufgabe schlicht nicht lösen – ganz egal, wie oft sie schon trainiert wurde. Kurz gesagt: Auch der cleverste Hund kann nicht zaubern, wenn gerade zu viel los ist in seinem Kopf.
Der Handtouch selbst bleibt dabei immer derselbe. Anders sind aber die Umstände, unter denen er abgefragt wird: im ruhigen Wohnzimmer sind sie andere als auf dem Spaziergang, wenn gerade ein fremder Hund um die Ecke kommt. Ob der Handtouch gelingt oder nicht, hängt genau von diesem Kontext ab.
Was wir aus einem „Fehler“ lernen
Ein „Fehler“ ist damit weit mehr als nur ein missglückter Versuch – er ist eine kleine Diagnose. Er zeigt uns, an welcher der fünf Stellschrauben (Schwierigkeit, Ablenkung/Motivation, Distanz, Dauer, Erregung) wir gerade zu viel verlangt haben. Dabei zählt nicht nur der aktuelle Moment: Ein Tierarztbesuch am Morgen, eine aufregende Hundebegegnung oder mehrere Stunden allein zuhause wirken oft noch Stunden später nach.
Konkret heißt das: Nach einem „Fehler“ lohnt sich ein kurzer Check. War die Aufgabe zu schwer für den aktuellen Trainingsstand? War die Ablenkung zu groß, oder hat schlicht die Motivation gefehlt? War die Distanz zu weit, die Übung zu lang? Oder war die Erregung – egal in welche Richtung – gerade nicht passend? Und: Was ist an diesem Tag bereits alles passiert, das mit hineinspielt? Meist ist es nicht nur eine einzelne Stellschraube, sondern ein Zusammenspiel mehrerer.
Lohnend ist auch der Blick über den einzelnen Moment hinaus: Häuft sich derselbe „Fehler“ bei genau dieser Übung auffällig oft, ist das kein Zufall mehr, sondern ein Muster – ein noch deutlicherer Hinweis darauf, wo der Trainingsaufbau angepasst werden sollte. Und sollte eine sonst zuverlässige Übung plötzlich und ohne erkennbaren äußeren Grund nicht mehr klappen, lohnt sich noch ein anderer Gedanke: Manchmal steckt keine Trainingsfrage dahinter, sondern körperliches Unwohlsein oder Schmerzen – dann führt der Weg nicht zurück ins Training, sondern erst einmal zur Tierärztin oder zum Tierarzt.
Die Antwort auf all diese Fragen entscheidet, was beim nächsten Training anders gemacht wird.
Die 2-Fehler-Regel: Signal statt Strafe
Was aber, wenn ein „Fehler“ passiert? Der Hund wird freundlich mit einem Touch und Keks oder nur einem Keks aus dem Setting geholt und bekommt eine kleine Verschnaufpause mit Mehrwert – er darf zum Beispiel Kekse aus dem Schnüffelteppich klauben, eine Tüte voller Kekse genüsslich zerlegen oder sie einfach vom Boden aufsammeln. Danach folgt ein neuer Versuch im identischen Setting. Klappt es diesmal, gibt es die verdiente Belohnung im Setting und anschließend eine bereichernde Pause. Passiert erneut ein „Fehler“, läuft die Pause genauso ab wie beim ersten Mal – nur mit einem entscheidenden Unterschied: Das Setting wird anschließend spürbar leichter gestaltet. Als Beispiel: Soll der Hund einen Zielgeruch suchen, wird dieser beim nächsten Versuch z. B. deutlich sichtbarer platziert (der Hund sucht prinzipiell mit allen Sinnen). Geht es um ein „Sitz“, zählt schon die kleinste Bewegung nach hinten-unten als Volltreffer. Meistert der Hund dieses vereinfachte Setting, gibt es auch dafür eine hochwertige Belohnung direkt im Setting und danach die verdiente Pause oder wir beenden die Trainingseinheit.
Genauso wichtig wie das Setting sind dabei die Dauer des Trainings und die Tagesform des Hundes. Läuft die Einheit schon eine Weile, kann die 2-Fehler-Regel auch schlicht heißen: Feierabend für heute – und das ist überhaupt kein Beinbruch. Der Hund bekommt sein „Ende“-Signal und obendrauf eine hochwertige Belohnung, einfach weil er sich redlich bemüht hat. Das Einzige, was am Ende zählt: unser Hund und sein Wohlbefinden. Klappt’s heute nicht, klappt’s eben morgen.
Auch bei alldem gilt: Die Reaktion auf einen „Fehler“ bleibt immer positiv – nur eben angepasst an die Situation. Wie genau man die passende Belohnung findet, welche Rolle Belohnungsvielfalt spielt und warum ein Keks nicht immer die beste Wahl ist, liest du ausführlich im Beitrag Funktionale Verstärker im Hundetraining.
Ein Beispiel, durchgespielt
Zurück zu Netty und dem entgegenkommenden Hund. Was war hier eigentlich der Auslöser? Ein fremder Hund, der ständig näher kommt. Je näher er kommt, desto anspruchsvoller wird es für Netty, den Handtouch überhaupt auszuführen – sie steckt in einem Motivationskonflikt, muss sich also zwischen zwei Dingen entscheiden, die sie gleichzeitig interessieren: dem anderen Hund und der Kooperation mit mir. Bei mehr Abstand wäre die Aufgabe in diesem Kontext vermutlich leicht gewesen; in diesem Moment, mit einem Hund nur wenige Meter entfernt, war sie es nicht mehr. Genau das war vermutlich die Stellschraube, die hier nicht gepasst hat: die Distanz zum entgegenkommenden Hund.
Was also tun? Anders als in einer geplanten Trainingseinheit ist das hier eine spontane Alltagssituation – der andere Hund kommt weiter näher, für einen zweiten Versuch im identischen Setting bleibt schlicht keine Zeit, denn es handelt sich nicht um ein Setting. Ich spreche Netty an und gebe das Signal für „Bogen“ – gemeinsam gehen wir in einem großen Bogen aus der Situation heraus, um die Entfernung zum anderen Hund zu vergrößern. Dann streue ich ein paar Kekse auf den Boden – eine kleine, bereichernde Pause. Erst danach gebe ich erneut das Handtouch-Signal. Diesmal saß er sofort: Kopf zu mir, Nase an meinen Fingern.
Fazit
Ein „Fehler“ im Training ist also keine Bewertung unseres Hundes, sondern eine Rückmeldung – ein kleiner Hinweis darauf, dass irgendwo im Setting gerade zu viel verlangt wurde. Wer diese Rückmeldung ernst nimmt, muss seinen Hund nicht infrage stellen, sondern nur den Trainingsaufbau. Und manchmal heißt die richtige Antwort auch einfach: heute reicht’s, morgen ist ein neuer Tag.
Quellen
- Bray, E. E., MacLean, E. L., & Hare, B. A. (2015). Increasing arousal enhances inhibitory control in calm but not excitable dogs. Animal Cognition, 18(6), 1317–1329.
- Jones, D. Empowerment, Self-Efficacy, Learned Helplessness, Frustration, & Errorless Learning. k9infocus.com. https://k9infocus.com/empowerment-self-efficacy-learned-helplessness-frustration-errorless-learning/

